Auf der Suche nach Spuren aus dem All

12. August 2008, 20:56
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Asteroiden, die auf die Erde prallen, können verheerende Katastrophen anrichten - zuletzt vor hundert Jahren

Es passiert so selten, dass niemand damit rechnet. Aber im Lauf der Erdgeschichte prallten immer wieder große kosmische Geschoße gegen die Erde, explodierten in der Atmosphäre oder krachten in den Erdboden und schlugen einen Krater. Zu den international führenden Experten, die diese Spuren einstiger Asteroideneinschläge untersuchen, gehört Christian Köberl, Leiter des Departments für Lithosphärenforschung an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsthemen zählen das Auffinden von Einschlagkratern und das Rekonstruieren der damaligen katastrophalen Vorgänge.

Das Auffinden von kreisrun- den Objekten auf Satellitenbil- dern oder von magnetischen oder Schwerkraft-Anomalien bietet jedenfalls keinen klaren Beweis für einen Impaktkrater, also eine Spur eines Asteroideneinschlages, da all diese Strukturen auch auf anderem Weg entstehen können. Ein gutes Kriterium sind hingegen spezielle Stoßwellenveränderungen, die in Quarz und anderen Mineralen durch den immens hohen Druck beim Einschlag entstehen. Außer diesen "geschockten" Quarzen lassen sich zuweilen auch chemische Spuren des Meteoriten nachweisen.

Spezielle Mengenverhältnisse von seltenen Metallen der Platingruppe und vor allem die Isotopenzusammensetzung einzelner Elemente können eindeutig beweisen, ob den Gesteinsschichten kosmisches Material beigemengt ist oder nicht. Bei einem Asteroidenimpakt wird allerdings rund hundertmal mehr irdisches Gestein aufgeschmolzen, als die Masse des Asteroiden beträgt. Dessen Substanz, etwa das für Asteroiden typische Metall Iridium, ist daher oft nur mehr stark verdünnt im Gestein erhalten.

Bis 1960 kannte man nur rund 20 Einschlagkrater auf der Erde, heute sind es immerhin schon etwa 175. Die Abtragung der Konturen durch Wind und Wetter oder die oft vorhandene Bedeckung mit dicken Sedimentschichten machen es nicht immer leicht, Einschlagkrater zu identifizieren.

Irdische Irrtümer

Im Sommer 2007 behauptete etwa ein US-Forscherteam, in 12.900 Jahre alten geologischen Schichten Spuren eines Asteroiden gefunden zu haben, der über dem kanadischen Eispanzer in der Atmosphäre explodiert sei und zum Aussterben der nordamerikanischen, elefantenähnlichen Mastodonten geführt habe. Es gäbe keine seriösen Indizien, dass dieser Einschlag überhaupt stattgefunden habe, sagt Köberl.

Ähnliches gelte auch für rundliche Vertiefungen im bayrischen Chiemgau: Sie wurden 2004 in den Medien als Einschlagspuren von Kometenbruchstücken beschrieben, die "zur Zeit der Kelten" vom Himmel gestürzt seien. "Das ist ein ausgemachter Unsinn", meint Köberl. Es handle sich vielmehr eindeutig um Toteislöcher aus der Eiszeit, also um einst zugedeckte Gletscherreste, die nach dem Auftauen Löcher hinterließen.

Auch bei Köfels im Tiroler Ötztal wurde jahrelang ein Impakt vermutet. Geologen stellten inzwischen fest, dass dort vor etwa 8000 Jahren ein gigantischer Felssturz stattfand, also eine rein irdische Ursache. Doch es werden immer wieder echte Einschlagkrater gefunden. 2008 werden voraussichtlich vier neue in die Earth Impact Data Base aufgenommen werden: Je einer in Indien, den USA, in Jordanien und in Kanada, erläutert Köberl.

Große und kleine Brocken

Impakte von 500 Meter großen Asteroiden, bei denen ein ca. zehn Kilometer großer Krater entsteht und im Umkreis von 300 Kilometern alles vernichtet wird, finden etwa alle halbe Million Jahre statt. Kleinere Objekte fallen entsprechend häufiger vom Himmel, 50 Meter große Brocken beispielsweise alle paar tausend Jahre. Ein solcher Brocken stürzte im Juni 1908 in der sibirischen Tunguska-Region herab und explodierte in mehreren Kilometern Höhe mit der tausendfachen Kraft der Hiroshima-Bombe. Auf 2100 Quadratkilometern wurden rund 80 Millionen Bäume niedergemäht, und noch in großer Entfernung wurden Menschen von der Druckwelle durch die Luft geschleudert. Forscher der Universität von Bologna forschen derzeit wieder in dieser Region und wollen unter anderem herausfinden, ob der kleine Cheko-See Aufschlagort eines Bruchstückes des Asteroiden ist.

Auch die amerikanischen Vela-Satelliten, die seit den 1960er-Jahren die Aufgabe hatten, Atomtests in der Luft und im All aufzuspüren, sahen zahlreiche Explosionen von kosmischen Felsbrocken, jedoch wurden die Daten erst nach Ende des Kalten Krieges der Wissenschaft zugänglich gemacht.

Gelegentlich begegnen auch größere Asteroiden der Erde: Am 14. Juli flogen zwei einander umkreisende Brocken von 200 und 600 Metern Durchmesser mit 45.000 Stundenkilometern an der Erde vorbei. Zwar mit 2,24 Millionen Kilometern Abstand, in kosmischen Dimensionen jedoch ein Katzensprung. Ein Einschlag hätte die Energie von 4000 Hiroshima-Bomben freigesetzt. Erst im Januar war dieser Doppelasteroid "2008 BT18" entdeckt worden. 2004 schaffte der 30 Meter große Brocken "2004 FH" sogar einen Vorbeiflug in nur 3,4 Erddurchmessern Distanz - knapp verfehlt. Der Einschlag eines großen Asteroiden auf der Erde in naher Zukunft ist jedoch extrem unwahrscheinlich. (Gerhard Hertenberger /DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2008)

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