Unschärfen und Rollenmuster

12. August 2008, 21:00
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Die Mathematikerin Susanne Saminger-Platz arbeitet mit mehrwertiger Logik - Peter Illetschko sprach mit ihr über ihre Forschung und Gender-Themen an Unis

STANDARD: Sie beschäftigen sich mit Aggregation. Was genau bedeutet das?

Saminger-Platz: Aus einer Menge von Daten, die alle gleichen Typs sind, wird ein Wert bestimmt, der repräsentativ für die Gesamtmenge ist. Zum Beispiel: Wahlprognosen. Da hat man eine bestimmte Anzahl von Personen. Jede von ihnen hat eine Vorliebe und eine Partei, die sie gar nicht wählen würde. Man könnte es von "am ehesten wählen" bis "sicher nicht wählen" reihen. Mithilfe eines Abstimmungsverfahrens wird eine Reihung bestimmt, die repräsentativ für die gesamte Gruppe sein soll.

STANDARD: Ist das die Basisarbeit für Meinungsumfragen?

Saminger-Platz: Meinungsumfragen sind ein Beispiel, wo Aggregation auftritt. Ich habe mich aber stärker auf Aggregationsprozesse konzentriert, bei denen es darum geht, mathematische Ähnlichkeiten oder Abhängigkeitsbeziehungen zu erhalten. Das kennt die Forschung zum Beispiel von Datenbankabfragen. Ein Hotel in einer bestimmten Preiskategorie in einer bestimmten Stadt: So kann eine Anfrage an eine Datenbank lauten. Das Hotel, das den gesuchten Kriterien am ähnlichsten ist, wird so erstgereiht. An letzter Stelle das Hotel, das den Kriterien am wenigsten entspricht. Da kommt die Fuzzy Logic ins Spiel, denn mit ihr können wir diese Ähnlichkeiten und Begriffe wie "ein bisschen" oder "sehr" modellieren und einfließen lassen.

STANDARD: Sie arbeiten an der Uni Linz. Was Sie hier beschreiben, klingt aber stark nach anwendungsorientierter Forschung ...

Saminger-Platz: Es ist eigentlich ein Ineinandergreifen von anwendungsorientierter Forschung und Grundlagenforschung. Wir arbeiten an mathematischen Modellen und versuchen, ein möglichst vollständiges Bild zu bekommen und viele Aspekte zu erkennen, die vielleicht auch für eine zukünftige Anwendung relevant sein können. Es ist aber auch so, dass konkrete Anwendungen Fragestellungen für die Grundlagenforschung anregen. Wenn wir uns mit einem Modell auseinandergesetzt haben, entdecken wir, manchmal durch Zufall, andere Anwendungen.

STANDARD: Können Sie ein Beispiel nennen?

Saminger-Platz: Ich habe mich im Rahmen eines Erwin-Schrödinger-Stipendiums des FWF an der Università del Salento in Lecce in Italien unter anderem mit Risikomodellen beschäftigt, wie man sie aus dem Bankenbereich kennt. Ich habe dort gesehen, dass diese Modelle auch im Umweltbereich anwendbar sind, zum Beispiel bei Abhängigkeitsmodellen für Stürme, wobei dabei nicht nur numerische Informationen, also Zahlen, sondern auch menschliches Erfahrungswissen zur Verfügung steht.

STANDARD: Sie arbeiten aber nicht nur an mathematischen Modellen, Sie waren auch in Gender-Mainstreaming-Projekten engagiert. Können Sie ein Beispiel nennen?

Saminger-Platz: Im Projekt TEquality, das am Institut für Frauen- und Geschlechterforschung an der Uni Linz durchgeführt wurde, ging es um Bedingungen für Studierende an der technisch-naturwissenschaftlichen Fakultät, im Speziellen in der Informatik und Mechatronik. Dabei wurde untersucht, wie scheinbar neutrale Bedingungen zu Diskriminierung führen können.

STANDARD: Was meinen Sie mit neutrale Bedingungen?

Saminger-Platz: Ein Beispiel: Der Einstieg ins Studium ist prinzipiell für alle gleich. Je nachdem, welche Vorbildung die einzelnen Studienanfänger genossen haben, wird der tatsächliche Einstieg aber unterschiedlich leicht oder schwierig sein. Dabei spielen gendersensitive Aspekte eine Rolle, denn nicht jeder Schultyp wird von gleich vielen Mädchen wie Buben besucht. Ein Ziel war daher, Ansatzpunkte für Maßnahmen zur Unterstützung der Studierenden und zur Erhöhung des Frauenanteils zu entwickeln.

STANDARD: Der Frauenanteil ist aber nicht nur unter Studierenden und Absolventen nicht gerade hoch, er ist vor allem in oberenen Regionen der Universitätshierarchie sehr gering. Ihre Gedanken dazu?

Saminger-Platz: Ich unterscheide gerne zwei Ebenen, die nicht scharf voneinander abgegrenzt werden können. Bei der persönlichen Ebene geht es um Interessen, um Vorstellungen, um Stärken, Talente und Ziele, das heißt um Fragestellungen wie "Wie möchte ich meine Zukunft gestalten?" - und zwar unabhängig davon, wie gängige Rollenmuster aussehen. Männer und Frauen machen auf dieser Ebene ähnliche Erfahrungen, vor allem wenn sie sich abseits der gängigen Muster bewegen. Die strukturelle Ebene bezieht sich auf rechtliche Rahmenbedingungen. Da geht es sehr stark um Macht, um Einfluss, um Zugriff und Verfügbarkeit von Ressourcen, dazu zähle ich finanzielle Mittel sowie Zeit. Strukturen legen Handlungsspielräume fest, die die persönliche Ebene beeinflussen. Sie geben aber auch Orientierung und machen Ungleichheiten sichtbarer, etwa dass von den wenigen Frauen ein höherer Anteil über zeitlich befristete Stellen und Programme an den Universitäten beschäftigt ist.  (DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2008)

Zur Person
Die Linzerin Susanne Saminger-Platz (33) schloss nicht nur die Matura (1993), sondern auch das Dokoratsstudium der Naturwissenschaften an der Johannes- Kepler-Universität (2003) mit Auszeichnung ab. Davor studierte sie Lehramt Mathematik und Physik an der TU Wien.

Sie war Assistentin am Fuzzy Logic Labor in Hagenberg und arbeitet seit Juli 2007 am Institut für Wissensbasierte Mathematische Systeme der Kepler-Uni. Sie bezeichnet sich als Grundlagenforscherin "mit Anwendungsmöglichkeiten im Hinterkopf". Derzeit mit einem theoretischen Schwerpunkt, weil sie ihre Habilitation fertigstellen will. (pi)

  • Fuzzy Logic: eine mehrwertige Logik, die nicht schwarz-weiß, wahr (1) oder falsch (0) ist, sondern in der es Abstufungen gibt.
    foto: rubra

    Fuzzy Logic: eine mehrwertige Logik, die nicht schwarz-weiß, wahr (1) oder falsch (0) ist, sondern in der es Abstufungen gibt.

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