Die Sache mit der Nase

12. August 2008, 18:50
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Was freilich bleibt, ist ein Gesicht: An Fred Sinowatz' Physiognomie wird man sich auch noch später liebevoll erinnern

Aus traurigem Anlass gedachte man auf ORF 2 des aus dem burgenländischen Leithagebirge stammenden Bundeskanzlers, der mit gewiss wechselnder Fortune das Erbe Bruno Kreiskys verwaltete. Was freilich bleibt, ist ein Gesicht. An Fred Sinowatz' Physiognomie wird man sich noch dann liebevoll erinnern, wenn die "ungeschriebenen Gesetze" der Medialität das nächste Häuflein Politik-Clowns dazu bewogen haben, sich unter das Chirurgenmesser zu legen.

Der misslichen Vorbildwirkung durch hirnverbrannte "Schönheitsideale" geriet Sinowatz' charaktervolles Gesicht machtvoll in die Quere. In Andreas Novaks Dokumentation "Der Mann, der nicht Kanzler werden wollte" konnte man studieren, wie vermeintlich sekundäre Tugenden wie Herkunftsbewusstsein, Fleiß und Prinzipentreue in den 70er-Jahren ausreichten, ein Band des Vertrauens zwischen der Politik und den "Menschen da draußen" zu knüpfen. Denn abseits aller politischen Bewertungsfragen wurde knapp und solide das Bild eines "öffentlichen" Menschen gezeichnet, der unter der Zudringlichkeit des TV-Scheinwerferlichts litt, dessen Gesichtshaut in Momenten der politischen Druckwirkung sofort feucht schimmerte. Heute ein absolutes "No-no"!

Wie aber wird man öffentlich wirksam - und bleibt doch ganz bei sich? Hier soll nicht an Hainburg erinnert werden, und auch nicht an die Causa Waldheim. Sondern an Augenblicke im Neufelder Garten, in denen sich der Politpensionär in der Strickjacke von der Gemahlin Kaffee eingießen ließ. Befangene Blicke - ein vages, resigniertes Blinzeln in Richtung der Kamera.

Vielleicht wäre Sinowatz "ohne die Partei" nur eine Lokalgröße geblieben, die gedankenverloren in einer vielbändigen Otto-Bauer-Ausgabe blättert. Aber welcher Politiker blättert heute in Werkausgaben? (poh/DER STANDARD; Printausgabe, 13.8.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Fred Sinowatz.

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