Einstürzende Horizonte

12. August 2008, 18:17
1 Posting

Festspiele: Vanessa Redgrave rekapituliert Joan Didions "Year Of Magical Thinking"

Salzburg - Notwehr war es, als sich die kalifornische Schriftstellerin und Journalistin Joan Didion nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes hinsetzte und schrieb. Schreiben, um sich die Realität vom Leib zu halten. Mit wissbegieriger Sachlichkeit heftete sich Didion in The Year Of Magical Thinking an medizinische Erklärungen einer Fachsprache, die den Tod professionell behandelt. Das Sterben kostet das Leben, ja, aber man möchte zumindest wissen, warum.

The Year Of Magical Thinking wurde 2005 mit dem National Book Award ausgezeichnet und zählt nun zu den eindrücklichsten Werken über Tod und Trauer; die deutsche Ausgabe Das Jahr magischen Denkens erschien bei Claassen. Lebhafte Erinnerungen an ein auch von intensiver beruflicher Zusammenarbeit geprägtes Gemeinschaftsleben mit ihrem Mann, dem Romancier John Gregory Dunne, trotzen der von aller Welt, nur nicht von der Zurückgelassenen selbst akzeptierten Tatsache des Todes. Mit ihm wurde sie zwei Jahre später wieder konfrontiert, als die einzige Tochter im Alter von 39 Jahren starb.

Die wenigen zynischen Momente des gewaltigen Textes kommen von außen, etwa wenn der Sozialarbeiter meint: "Sie steckt das ganz gut weg!" Doch Didion, die überaus zierliche Dame, die scharfsichtige Publizistin (vom Rang einer Susan Sontag, hierzulande allerdings zu wenig etabliert), kontert: "Wenn ein Sozialarbeiter auf Sie zukommt, sind Sie in Schwierigkeiten." Mit Vanessa Redgrave in der Rolle der Erzählerin kam dieses für die Bühne neu adaptierte Trauerwerk im Vorjahr am Broadway und am Londoner Lyttelton Theatre heraus. Jürgen Flimm holte es nun samt dem britischen Schauspielstar zu den Salzburger Festspielen.

In der minimalistischen Regie David Hares stürzen dabei hinter einer auf einem hölzernen Gartenstuhl mittig sitzenden Redgrave Stoffwände wie Horizonte ein. Verlorene Aussichten! Doch die wachen Augen der Ich-Erzählerin richten sich klugerweise in die andere Richtung, ins Publikum des Landestheaters. Forsch und zügig geht Redgrave vor, unsentimental. Die geräuschvolle Welt von früher, echt und lebhaft, ist nur mehr aus weiter Entfernung zu hören. Achtung: Englisch ohne Übertitel. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Pintausgabe, 13.08.2008)

Share if you care.