Moskau und Tiflis in Gewalt vereint

12. August 2008, 18:34
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Über Jahrhunderte hielt Russland das Kaukasusland im Griff - Perspektive von Markus Bernath

"Gamardschorbat" , sagen die Georgier zum Gruß und wünschen damit wörtlich übersetzt: "Sei siegreich!" Das sagt man eben so in einem Land, das seit Jahrhunderten im Rhythmus von Kampf und Niederlage lebt, gegen die Osmanen, die Perser, die Russen und die eigenen Volksgruppen und Verwandten.

"Sei siegreich!" klingt in diesen Tagen wieder besonders trotzig: Die faktische Kapitulation der georgischen Armee vor den Russen hilft es kaschieren, den Umstand, dass der eigene Präsident mit seinem Befehl zur Einnahme Zchinwalis den Tod südossetischer wie georgischer Zivilisten in Kauf nahm und das Land ins Chaos stürzte; und "gamardschorbat" ist das Versprechen auf Revanche.
Denn mit der Invasion Georgiens führt Russland nun den zweiten unerklärten Krieg gegen die kleine Kaukasusrepublik. Zwischen 1990 und 1994 unterstützte und steuerte Moskau den Separatistenkrieg der Abchasen und Südosseten. Die russische Armee bombte die Georgier aus Sukhumi, der abchasischen Hauptstadt - die abchasische Miliz hatte weder Flugzeuge noch Bomben -, setzte die Sondereinheiten der "Speznaz" ein und ließ eben jene tschetschenische Rebellen mitkämpfen, die sie später zu Todfeinden erklärte. Tschetschenische Milizen kamen vergangene Woche auch den südossetischen Rebellen zur Hilfe.

"Die Kriege in Abchasien und Südossetien sind nur Episoden in den russisch-georgischen Beziehungen" , schreibt Eduard Schewardnadse in seinen Erinnerungen, selbst Georgier und früherer Präsident des Landes, aber als KP-Sekretär und sowjetischer Außenminister bestens vertraut mit dem Denken des Kreml: "Sie gehören zu den Versuchen Russlands, Georgien als einheitliches Land aufzulösen und es in den Zustand zurückzuversetzen, in dem es sich befand, als es sich - in sieben Fürstentümer aufgeteilt - Russland angeschlossen hat."

1783, im Vertrag von Georgiewsk, stellte König Erekle aus Furcht vor den Osmanen sein kleines Reich Kartli-Kakheti unter den Schutz von Katharina der Großen. Damit war auch Zentralgeorgien im Griff des großen Nachbarn im Norden und blieb es bis auf die kurze Zeit der Demokratischen Republik Georgien (1918-1921). Die damals in Tiflis regierenden Menschewiken gingen mit Gewalt gegen Abchasen und Osseten vor, um den neuen Staat aufrechtzuerhalten. Swiad Gamsachurdia, Georgiens erster Präsident nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion und ein kompromissloser Nationalist, setzte die Gewaltstrategie fort.

Der Kreml aber presste den Georgiern nach den Separatistenkriegen in Abchasien und Südossetien Friedensverträge und die Mitgliedschaft in der GUS (Gemeinschaft unabhängiger Staaten) ab, die den Keim für den heutigen Krieg in Georgien gelegt haben: Michail Saakaschwili und seine "Rosenrevolutionäre" wollten die Revision dieser Friedensordnungen, Moskau aber deren Konsolidierung.

Bizarre Halbwelten sind in den letzten 20 Jahren entstanden. Abchasien, entleert von seiner georgischen Bevölkerung und international nicht anerkannt, stützte sich auf russische "Friedenstruppen" mit einem Mandat der GUS. Russische Reisepässe sind das einzige Mittel für die Menschen im Separatistenland geworden, ins Ausland zu gelangen und Geld zu verdienen; für die schleichende Annexion der Provinzen durch Moskau ist die Vergabe der russischen Staatsbürgerschaft ein probates Mittel.

Südossetiens Sicherheit wurde - einem Vertrag von 1994 folgend - von einem Mix aus russischen, ossetischen und georgischen Soldaten "garantiert" , was Militärbeobachter der OSZE privat als ausgemachten Unsinn bezeichneten. Seit dem Wochenende ist die Mini-Provinz wohl "ethnisch gesäubert" von ihrer georgischen Bevölkerung. Mit dem Nationalismus siegte auch Moskaus Vormachtdenken. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2008)

 

 

 

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