Im Farbenreich der Friedensklänge

12. August 2008, 17:53
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Händels "Belshazzar" bei den Innsbrucker Festwochen

Innsbruck - René Jacobs setzt bei den Innsbrucker Festwochen 2008 auf Erbauliches. Keine heiteren Opern, sondern geistliche Oratorien bestimmen das Programm, beginnend mit Händels Belshazzar. Oratorium als Oper? Ja, schon die Story habe es ihm angetan, so Jacobs, und er rühmt das auf dem Buch Daniel fußende Libretto, das Tyrannenmord und Friedensbotschaft verknüpft. Was aber Händel daraus gemacht habe, dieses hochdramatische Oratorium, besitze in seiner politischen Brisanz für ihn Anziehungskraft als geistliche Oper, die auf die Bühne gehört.

Händel hatte sich damals frustriert von den Eitelkeiten der italienischen Oper ab- und dem englischen Oratorium zugewandt, in dem er vor allem seine Chorvisionen verwirklichen konnte. So ist auch in Innsbruck der fabelhafte Rias-Kammerchor der absolute Protagonist, der die vom Komponisten stilistisch interessant differenzierten drei Völker der Babylonier, Juden und Perser mit Flexibilität und Präzision charakterisiert.

Jacobs hat ihm noch sechs Chorsolisten hinzugefügt, die der englischen Artikulation zugute kommen. Adäquate Qualitäten besitzt die klangfarbenreiche Akademie für Alte Musik Berlin. Auch die Solisten beeindrucken: Rosemary Joshua als leidgeprüfte Königinmutter, die dem orgiastischen Treiben des tyrannischen Sohnes (Kenneth Tarver in der Titelpartie) hilflos zusehen muss und ergreifende Arien singt; Bejun Mehta als junger Perserkönig Cyrus, fast ein Held wider Willen und moralische Instanz wie der Daniel Kristina Hammarströms, beide bravourös in Altlage singend, dazu Neal Davies als rührender alter Gobryas.

Hier treffen Religion und Polithistorie aufeinander: Die alttestamentarische Schilderung des Saufgelages, bei dem Belshazzar die geraubten Tempelgefäße der gefangenen Juden schändet, das Gottesurteil "Mene Tekel Upharsin" , Sieg der Perser, Untergang Babylons, Belshazzars Tod und die Wendung zu Frieden, Freiheit und Glaubensstärke werden in der Musik bezwingend umgesetzt. Das Haus steht unter Hochspannung.

Fast desillusionierend wirken dagegen im Landestheater die grauen Kletterwände, an denen der König und seine Leibwächter ständig herumturnen (Bühnenbild Roland Aeschlimann), Bettina Walters Allerweltskostüme für den Chor und Christof Nels simple Regie, die Belshazzars Gefährlichkeit naiv augenrollend und mit drohend erhobenem Beil recht vordergründig zeichnet. Geringe Einwände allerdings gegen die machtvolle musikalische Präsenz! (Jutta Höpfel, DER STANDARD/Printausgabe, 13.08.2008)

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