"Russland will einen Regimewechsel erzwingen"

12. August 2008, 17:44
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Militärexperte Pawel Felgenhauer im STANDARD-Interview: Moskaus Versuch wird scheitern

Russland versucht seinen Einfluss auf die ehemaligen Sowjetrepubliken wiederherzustellen, ist der Militärexperte Pawel Felgenhauer überzeugt. Warum dieser Versuch scheitern wird, erklärte er Verena Diethelm.

STANDARD: Die Gefechte zwischen Georgien und Russland dauern nun schon seit fünf Tagen an. Warum ist es bis jetzt nicht gelungen, den Krieg zu beenden?

Felgenhauer: Russland hat einfach nicht die militärische Stärke, um Georgien zu okkupieren. Es fehlt an der ausreichenden Truppenstärke, und außerdem hat das russische Militär logistische Probleme. Der Ausbruch dieses Krieges war unumgänglich. Russland hat sich seit April darauf vorbereitet. Wobei diese Auseinandersetzung nichts mit den Unabhängigkeitsforderungen Südossetiens zu tun hat. Südossetien hat Georgien provoziert, um Russland einen Vorwand zu liefern. Aber dieser Krieg wäre auch so ausgebrochen.

STANDARD: Was bezweckt Russland mit diesem Krieg?

Felgenhauer: Die Strategie dahinter ist die Herbeiführung eines Regimewechsels in Tiflis. Die Auseinandersetzung dient dazu, eine Moskau-freundlichere Regierung in Georgien zu installieren. Das Ziel ist es, Georgien zu einer russischen Kolonie zu machen. Das nächste Ziel ist die Ukraine. Russland möchte das Sowjetimperium wiederherstellen. Aber Russland hat gar nicht das Potenzial dazu, die Sowjetunion wiederzuerrichten. Es wird nur dazu führen, dass die geplante Modernisierung scheitert und Russland zu einem rückständigen Land wird.

STANDARD: Plant Russland den Einmarsch in Tiflis, um den georgischen Präsidenten Michael Saakaschwili zu stürzen?

Felgenhauer: Das wird schwierig. Je weiter die russischen Truppen in Georgien vorwärtskommen, desto schwächer werden sie. Die georgische Armee ist nicht zerstört, sondern nur zurückgedrängt. Dazu kommen logistische Probleme. Eine militärische Präsenz in Georgien kostet viel Zeit und Anstrengungen. Und im Winter, wenn die meisten Straßenverbindungen zwischen Russland und Georgien blockiert sind, wird es noch schwieriger.

STANDARD: Welche Folgen hat dieser Krieg für die Zukunft Russlands?

Felgenhauer: Dieser Krieg ist ein Wahnsinn und wird in einem Desaster enden. Er wird nicht nur viel Geld, sondern auch den internationalen Ruf Russlands kosten. Russland droht dadurch international zum Paria zu werden. Es ist durchaus möglich, dass es wie zu Zeiten des Kalten Krieges zu Sanktionen durch den Westen kommen wird. Aber Russland ist nicht die Sowjetunion. Russland ist in der internationalen Staatengemeinschaft integriert und auch auf westliche Technologie angewiesen, ohne die eine Modernisierung nicht möglich ist. Innerhalb der russischen Wirtschaftselite wächst bereits der Widerstand gegen diese Art von Politik. Die Unternehmer laufen Gefahr, ihr persönliches Vermögen zu verlieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2008)

Zur Person

Dr. Pawel Felgenhauer ist ein unabhängiger Moskauer Militärexperte, der als Kolumnist für die russische Zeitung "Nowaja Gaseta" und die Jamestown Foundation schreibt.

  • "Wir wollen nicht zurück in die UdSSR"  – Protest vor der russischen Botschaft in Stockholm.
    Foto: AP/Bertil Ericson

    "Wir wollen nicht zurück in die UdSSR" – Protest vor der russischen Botschaft in Stockholm.

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