"Das Tier ist für mich letztlich ein Rohmaterial"

31. August 2008, 17:00
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Berühmte Schweine, historische Schafe und "unsympathische" Krähen tummeln sich im Garten des Filmtiertrainers Karl Lang - Ein Porträt

Eine dramatische Verfolgungsjagd. Fuchs jagt Hase, Hase springt über Kamera, Fuchs springt über Kamera. Wie lange müsste ein Filmteam wohl im Wald herumsitzen, um diese Bilder einzufangen? Karl Lang erntet stets verwunderte Blicke, wenn er erzählt, dass seine trainierten Tiere auch in Dokumentarfilmen mitspielen.

Aber auch andernorts würde man keine trainierten Tiere erwarten. Ein Pärchen flaniert über den Naschmarkt, Kebabverkäufer rufen ihnen zu und auf einem Dach sitzt eine Taube. "Einmal filmt man von links, 35 Minuten später von rechts, beim Schneiden des Films fehlt dann irgendwann einmal die Taube." Um diesen Fehler zu vermeiden, sieht man in dem Film nicht irgendeine, sondern Karl Langs Taube.

Der Weg zum Film

"Geprägt hat mich ein Hund." Der Mischling Mokka weckte Karl Langs Leidenschaft zum Trainieren und Dressieren von Tieren. Nach der Schule begann er eine Lehre als Tierpfleger im Tiergarten Schönbrunn und kümmerte sich nach erfolgreichem Abschluss sechs Jahre um die Elefanten des Zoos.

"Der Film ist dann irgendwann zu mir gekommen. Ich habe in Schönbrunn Shows gemacht und es sind immer wieder Requisiteure vorbei gekommen." Die darauffolgenden Arrangements in der Filmbranche wurden immer mehr und 1996 riskierte Karl Lang den Umstieg. Er ist bis heute einer der wenigen Filmtiertrainer in Österreich.

Ein privater Zoo

Der Umstieg wäre aber ohne einen Umzug nicht möglich gewesen, denn Karl Lang wollte damals schon ein eigenes "Archiv" an Tieren. In Wien ein Ding der Unmöglichkeit, in einer Villa auf einem fünf Hektar großen Grundstück perfekt. Der Filmtiertrainer renovierte ein 20 Jahre lang unbewohntes Anwesen in Sulz im Wienerwald und schuf sich in seinem Garten einen eigenen Zoo.

Krokodile, Schweine und Affen, insgesamt leben in Langs Garten über 400 Exemplare heimischer und exotischer Tiere. Sie werden artgerecht gehalten und verfügen über sehr viel Platz, und wenn das Gehege zu eng wird, dann können sie sich auf einer schönen Weide austoben. (Siehe Ansichtssache)

"Ja! Natürlich"-Schweinchen

In einer Ecke des Gartens quieken und grunzen ein kleineres und ein mittelgroßes Schwein. Karl Lang stellt sie vor: "Das sind zwei Herrschaften, die in Österreich mittlerweile jeder kennt. Das sind die "Ja! Natürlich"-Schweine. Spot vom Winter, Spot vom Sommer. Die sind bei den Dreharbeiten rund acht Wochen alt." Ist es nicht extrem schwierig ein so junges Ferkel zu trainieren? "Wenn man weiß wie's geht, geht's, aber die haben's schon faustdick hinter den Ohren."

Die lebhaften Schweine wirken sehr nett, aber gibt es für den Filmtiertrainer eigentlich auch unsympathische Tiere? "Das hat nichts mit der Tierart zu tun, sondern mit dem individuellen Charakter innerhalb der Art." So seien Raben, obwohl sie bei Drehs stets gut arbeiten, eigentlich tendenziell unsympathisch, aber natürlich gebe es auch "zuckersüße" Artgenossen.

"Familienbetrieb"

Klarerweise kann sich Karl Lang nicht alleine um 400 Tiere kümmern. Seine Lebensgefährtin Martina Kuntic - selbst gelernte Tierpflegerin - greift ihm kräftig unter die Arme und auch seine pensionierten Eltern helfen im "Familienbetrieb" mit. Martina Kuntic ist neben ihrer Tätigkeit im privaten Zoo auch noch Sonderschullehrerin. "Die Tiere sind auch in der Schule im Einsatz. Es gibt seit mittlerweile fünf Jahren ein Tierprojekt in der Sonderschule."

Ein Last Minute Urlaub mit der Tochter ist für die beiden ein Ding der Unmöglichkeit. "Man ist auf die Hilfe der Eltern und Freunde angewiesen. Man macht dann 14 Tage Urlaub, ist aber 14 Tage vorher schon damit beschäftigt die Tiere, die man auswärts stehen hat, dort einmal einzugewöhnen und die Leute auf die Tiere einzuschulen. Nach dem Urlaub ist man dann eine Woche damit beschäftigt die Tiere wieder nach Hause zu holen."

"Man muss sich für Tier attraktiv machen"

Wie wichtig ist eigentlich die natürliche Begabung eines Tieres? Karl Lang antwortet mit einer Metapher: "Das Tier ist für mich letztlich ein Rohmaterial. Eine Ziege ist für mich dasselbe wie ein Baum für einen Tischler. Der kann gut gewachsen sein, der kann schlechter gewachsen sein. Aber ein guter Tischler macht auch aus einem schlechten Baum einen Stuhl."

Jedes Tier erhält eine Grundausbildung. Man müsse es transportieren können und es müsse am stressigen Filmset aussehen, als ob es schon immer dort gewesen wäre. Spezielle Fertigkeiten werden den Tieren dann von Job zu Job beigebracht. Einmal erlernte Fähigkeiten seien auch nach Jahren wieder abrufbar.

Um Tiere zu trainieren, müsse man sich attraktiv machen. Meistens gehe das über die Nahrung, aber manchmal macht Karl Lang einfach spannende Ausflüge mit dem Tier. "Gerade mit einem Schwein. Das läuft einem nicht nach, weil man ein herzensguter Mensch ist, sondern weil es weiß, dass jedes Mal, wenn es mitkommt, etwas Spannendes, Lustiges oder Unterhaltsames passiert. Darum mag es mich und darum hängt es sich mir an."

Das historische Schaf

Aber nicht nur die Tricks und Fertigkeiten der Tiere sind bei Filmen entscheidend, auch das Aussehen spielt eine wichtige Rolle. "Man kann es sich nicht leisten, ein modernes Schaf auf einen Marktplatz im 18. Jahrhundert zu stellen." Die Telefone würden daraufhin heiß laufen und das käme letztendlich auf den Filmtiertrainer zurück.

Deshalb hat er auf seiner Weide - frei nach Charles Darwin - eine eigene Schafrasse gezüchtet. Er ging auf das Urtypische zurück, denn je mehr ein Schaf einem Mufflon gleicht, desto eher traut man ihm zu, dass es früher schon existiert hat. Die Anrufe bleiben so aus.

Aber wer bei einem Film ständig nach Fehlern suche, könne ihn ohnehin nicht genießen. "Ich habe viel Zeit auf einem Set verbracht, aber ich kann mir trotzdem einen Horrorfilm anschauen und mich gruseln. Auch wenn ich ganz genau weiß, dass hinter der Tür nicht der Mörder, sondern der Tonassistent steht." (Markus Kiesenhofer, derStandard.at, 31. August 2008)

 

Ansichtssache

Tierische Homestory

  • Der Filmtiertrainer Karl Lang renovierte eine Villa in Sulz im Wienerwald und schuf sich in seinem
Garten einen eigenen Zoo.
    derstandard.at/markus kiesenhofer

    Der Filmtiertrainer Karl Lang renovierte eine Villa in Sulz im Wienerwald und schuf sich in seinem Garten einen eigenen Zoo.

  • Über 400 Exemplare heimischer und
exotischer Tiere leben bei Lang. Sie werden artgerecht gehalten und verfügen über sehr
viel Platz.
    derstandard.at/markus kiesenhofer

    Über 400 Exemplare heimischer und exotischer Tiere leben bei Lang. Sie werden artgerecht gehalten und verfügen über sehr viel Platz.

  • Karl Lang füttert das "Ja! Natürlich"-Schweinchen vom Sommerwerbespot.
    derstandard.at/markus kiesenhofer

    Karl Lang füttert das "Ja! Natürlich"-Schweinchen vom Sommerwerbespot.

  • Das größere Werbeschweinchen vom Winterspot läuft gerade zu Martina Kuntic. Langs Lebensgefährtin - selbst gelernte Tierpflegerin -
greift ihm bei der Arbeit kräftig unter die Arme.
    derstandard.at/markus kiesenhofer

    Das größere Werbeschweinchen vom Winterspot läuft gerade zu Martina Kuntic. Langs Lebensgefährtin - selbst gelernte Tierpflegerin - greift ihm bei der Arbeit kräftig unter die Arme.

  • "Man kann es sich nicht leisten, ein modernes Schaf auf einen
Marktplatz im 18. Jahrhundert zu stellen," erklärt Karl Lang. Deshalb hat er auf seiner Weide - frei nach Charles Darwin - eine eigene Schafrasse gezüchtet.
    derstandard.at/markus kiesenhofer

    "Man kann es sich nicht leisten, ein modernes Schaf auf einen Marktplatz im 18. Jahrhundert zu stellen," erklärt Karl Lang. Deshalb hat er auf seiner Weide - frei nach Charles Darwin - eine eigene Schafrasse gezüchtet.

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