Pressestimmen: "Bush will Gewaltstrategie legitimieren"

21. Februar 2003, 12:11
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Le Figaro: "Man kann mit Kannibalen Handel treiben, ohne ihre scheußlichen Ernährungsgewohnheiten zu übernehmen"

Paris - Die konservative französische Tageszeitung "Le Figaro" (Paris) meint am Freitag zum amerikanischen Vorgehen in der Irak-Krise: "Die USA versuchen, eine bewusste Strategie der Gewalt zu legitimieren. Dabei verbietet das Völkerrecht die Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines UN-Mitgliedslandes, auch wenn dieses, wie der Irak, als unsympathisch gilt. Bedenkt man die ungeheure Gefahr möglicher Terror-Anschläge, die eine einseitige amerikanische Irak-Operation auslösen könnte, wäre Georges W. Bush gut beraten, die Weisheit von Lloyd George zu bedenken: 'Man kann mit Kannibalen Handel treiben, ohne ihre scheußlichen Ernährungsgewohnheiten zu übernehmen'."

Die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" kommentiert am Freitag die Äußerungen des US-Präsidenten, ein demokratischer Irak ohne Saddam Hussein könne zum Vorbild im Nahen Osten werden: "Von der Aula eines Gymnasiums im US-Staat Georgia gibt US-Präsident George Bush weitere Gründe für einen Irak-Krieg an. (...) Dies ist ein Versuch, der Irak-Krise eine neue Dimension zu geben und die Supermacht Amerika zum Garanten der internationalen Ordnung zu machen, ganz gleich welche Entscheidung der UN-Sicherheitsrat in Kürze fällen wird. Bush tut dies nicht zufällig: Es nähert sich der Tag, da sein Entwurf für eine zweite Resolution dem Sicherheitsrat vorgelegt wird, und die UN-Waffeninspektoren lassen bereits ihre Unzufriedenheit über die geringe Zusammenarbeit des Iraks durchsickern."

Die Turiner Zeitung "La Stampa" schreibt am Freitag zu den amerikanisch-türkischen Spannungen im Zuge der Irak-Krise: "In der Krise zwischen den Vereinigten Staaten und der Türkei über die Nutzung türkischen Territoriums bei einem Angriff amerikanischer Truppen auf den Irak nähert man sich jetzt einem Countdown. Die Spannungen zwischen beiden Verbündeten haben das Niveau einer gegenseitigen Bewachung erreicht, die jeweiligen Positionen haben sich verhärtet, und es bleibt für die Diplomatie nur noch ein kleiner Spalt, um einen Bruch zu verhindern. (...) Das Duell zwischen Washington und Ankara läuft nach Meinung vieler Beobachter auf das Schlimmste hinaus."

Zu einer gemeinsamen Antikriegs-Erklärung der anglikanischen und der katholischen Kirche in England schreibt am Freitag die linksliberale britische Zeitung "The Guardian" (London): "Blair muss diese Warnungen ernst nehmen. Er muss dies erstens tun, weil er selbst ein überzeugter Glaubender ist, der sich in die Ansichten der Kirche vertieft und sie respektiert. Wenn ihn der Papst und zwei Erzbischöfe, die er achtet, vor dem Krieg warnen, bleibt Blair nichts anderes übrig, als zuzuhören und dies in Demut zu erörtern. Aber er muss dies zweitens auch tun, weil er ein Politiker ist. Bush mag sich seines eigenen Intellekts, der Richtigkeit seiner Haltung und des Ausmaßes seiner Unterstützung so gewiss sein, dass er nicht die Notwendigkeit sieht, in einen respektvollen Dialog mit seinen Kritikern einzutreten. Aber Blair ist nicht in dieser zweifelhaft luxuriösen Lage. Er ist in seinem Land zur Zeit in der Minderheit, obschon es Hinweise darauf gibt, dass sich dies ändern könnte, wenn der Irak zu weit geht. Im Kriegsfall muss Blair in der Lage sein zu sagen, dass er alle nötigen Friedensanstrengungen unternommen hat."

Die Pariser Wirtschaftszeitung "La Tribune" hat wenig Hoffnung, dass auf dem bevorstehenden Treffen der G-8-Gruppe eine befriedigende Antwort auf die Irak-Krise und die Wirtschaftsflaute gefunden werden kann: "Welches Heilmittel gibt es gegen das irakische Fieber, das zunehmend alle wirtschaftlichen und sozialen Kräfte lähmt? Unglücklicherweise gar keines, werden die Finanzminister der reichen Länder dieses Wochenende bei ihrem Treffen in Paris feststellen müssen. Keines, außer Geduld. Abwarten, bis die Hypothek des Krieges gegen Irak aufgehoben ist - auf die eine oder die andere Weise - das ist heute das Leitmotiv der meisten Firmenchefs und einer wachsenden Zahl von Verbrauchern. Ob Fatalisten oder Zyniker, einige gehen sogar so weit, dass sie einen befreienden Kugelhagel herbeisehnen. Mit der Hoffnung, anschließend rasch das Blatt zu wenden und die Weltwirtschaft wieder auf's Gleis zu bringen. Denn ob am Ende nun das Lager des Kriegs oder der Demokratie gewinnt, die Ungewissheit ist auf jeden Fall die schlimmste aller Hypothesen."(APA/dpa)

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