"Endgültige Lösung" einer Beziehung

20. Februar 2003, 20:33
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Schütze hatte die Maschinenpistole auf "Dauerfeuer" gestellt - als das MP-Magazin leer war, holte er eine Tokarev-Pistole hervor

Wien - Der Täter hatte die Maschinenpistole auf "Dauerfeuer" gestellt. So, mit der Waffe im Anschlag, trat Zivan P. (48) am Mittwoch gegen 15 Uhr in der Wiener Puchsbaumgasse zu dem Auto, in dem seine Ex-lebensgefährtin, ihr neuer Freund und ihr 18-jähriger Sohn saßen.

"Er hat zuerst auf den Mann, dann auf die Frau, dann auf den Burschen gefeuert", schilderte am Donnerstag Ernst Geiger, Leiter der Kriminaldirektion 1, bei einer Pressekonferenz den Ablauf des Dreifachmordes. Trotz der "Nahschüsse" - so der polizeitechnische Ausdruck - habe der Autolenker, der deutsche Bauleiter Michael H. (53), noch versucht, den Citroën aus der Gefahrenzone zu chauffieren. Dann sei er tödlich getroffen zusammengebrochen.

Panik im Frisiersalon

Das Auto kam an der Wand einer Hauseinfahrt zum Stehen - unweit eines Frisiersalons, wo alarmierte Kunden in Deckung gingen. Die Frau auf dem Hintersitz, die 40-jährige Nusreta Z., starb im Kugelhagel - während es ihrem Sohn, Dejan Z., gelang, den Wagen zu verlassen. "Wohl, um dem Täter die Waffe aus der Hand zu schlagen. Er starb mit acht Kugeln im Körper", erläuterte Geiger.

Den verzweifelten Rettungsversuch des Handelsschülers habe ein Augenzeuge des Beziehungsdramas als "Versuch zurückzuschießen" interpretiert. Doch nach der Obduktion des Täters, der nur eine Kugel in Kopf hatte, sei eindeutig klar: "Als das MP-Magazin leer war, holte Zivan P. eine Tokarev-Pistole hervor, setzte sie an der rechten Schläfe an und drückte ab."

Über die Herkunft der Waffen weiß die Polizei bisher nichts: Der bosnische Staatsbürger dürfte beide schon länger besessen haben. Die unregistrierte Pistole habe der Bauunternehmer wohl schon seit zehn Jahren - seit seiner Ankunft in Österreich - in seiner Wohnung versteckt. Die Maschinenpistole wiederum könnte, so Geiger, "vom Schwarzmarkt im ehemaligen Jugoslawien" stammen.

Auch die privaten Verhältnisse spitzten sich unbemerkt von behördlicher Aufmerksamkeit zu: Vor neun Monaten trennte sich Nusreta Z., die 1992 mit ihrem Sohn aus aufrechter Ehe nach Wien gezogen war, von Zivan P. Davor waren die beiden sieben Jahre lang zusammen gewesen.

Nun wandte sich die Frau einem anderem zu, dem Deutschen Michael H. Doch auf die neue Beziehung reagierte P. mit Eifersucht und großem Zorn: "Nicht untypisch für Partnerschaften mit ungleicher Machtverteilung", meint dazu der Gerichtspsychiater Reinhard Haller. Er kann sich vorstellen, dass P. "depressiv und gewalttätig" geworden sei, wie so oft, wenn "der schwächere Partner - meist die Frau - eigene Wege geht".

Gefährliche Gefühle

Überhaupt, so Haller, sei auffallend, "dass Menschen immer weniger imstande sind, mit eigenen extremen Gefühlen zurechtzukommen". Statt dessen würden viele "ganz im Sinne unseres auf Effektivität ausgerichteten Lebensstils endgültige Lösungen suchen. Wir müssen uns in Zukunft auf mehr drastische Beziehungsverbrechen einstellen", prophezeit der Psychiater.

Auch P. hatte die neue Situation nicht auf sich beruhen lassen können. Laut Zeugenaussagen soll er Nusreta Z. zuletzt am 13. Februar bedroht haben. Eine ganze Nacht habe er vor der Wohnung der Frau in der Puchsbaumgasse ausgeharrt. Der Sohn, so die Zeugen, habe sich große Sorgen gemacht und seine Mutter regelmäßig in die Arbeit und zurück begleitet.

Die Polizei hat niemand eingeschaltet - doch Haller betrachtet den Fall dennoch als Anlass, "die Gesetze zu überdenken". Zum Beispiel das Unterbringungsgesetz, das Einweisungen in psychiatrische Anstalten regelt: "Neben Geisteskranken könnten auch psychisch Normale verbindlich eingewiesen werden" - etwa bei "Suizidgefahr". (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 21.2.2003)

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