Krachen, rumsen, scheppern, jung sein

20. Februar 2003, 21:30
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Seit Herbst 2002 ist der Regisseur Christian Stückl Intendant des Münchner Volkstheaters und setzt auf Jugendlichkeit als Programm

München - Schlecht rasiert, doch gut gelaunt ist der junge Mann, vor dem es derzeit in München kein Entrinnen gibt. Von jeder Plakatwand starrt er mit weit aufgerissenen Augen mitten hinein ins Herz der winterkalten Stadt. Sein Mund ist wie zu einem Pfeifen geöffnet, die Wangen sind aufgeblasen: Der junge Mann spuckt Rotwein. Das Plakat des Münchner Volkstheaters ist ein Versprechen. Bei uns, verspricht es, lebt das Leben, bei uns spucken die Jungen auf den Schnee von gestern.

Seit Christian Stückl im Herbst 2002 die Intendanz übernahm, ist das Volkstheater nicht wiederzuerkennen. Das Gebäude in der Brienner Straße hat eine Totalrenovierung hinter sich. Für anderthalb Millionen Euro bekam das 600-Plätze-Theater ein neues Foyer, einen teilweise neuen Bühnenraum und einen neuen Restaurantbereich namens "Volksgarten". Vor allem aber gilt nach dem Abgang der langjährigen Intendantin Ruth Drexel ein neues Motto - mit den Worten Christian Stückls: "Es muss krachen, rumsen, scheppern."


Unter dreißig

Nun hat unter Drexel keineswegs der leise Kammerton geherrscht. Auch Volksschauspielerin Drexel, in München eine Institution, im Rest der Republik als Mutter des "Bullen von Tölz" eine Bekanntheit, pflegte das alpenländische Kraftmenschentum. Stückl will den "Ruth-Drexel-Fanclub" aber nicht mehr bedienen, und schon gar nicht will er im "Pott von Nestroy, Horváth, Fleißer und Valentin" graben, mit dem seine Vorgängerin den Spielplan bestritt. Die Kraft soll vielmehr von der Jugend ausgehen, die er ins Theater locken will und die dort auf der Bühne ihresgleichen begegnet.

Das elfköpfige Ensemble hat einen Altersschnitt von unter dreißig, nicht jeder bringt eine professionelle Ausbildung mit. Regisseur Stückl wurde bei den Passionsspielen Oberammergau zum Fachmann für Leidenschaft und Laienspiel, sein Salzburger Jedermann war ein zwiespältiger Versuch, arrivierten Bühnenstars die Euphorie des Beginnens zurückzugeben. In München stehen ihm bescheidene 4,3 Millionen Euro jährlich zur Verfügung, um den beiden Renommierbühnen, dem Residenztheater und den Kammerspielen, mit Einfallsreichtum Paroli zu bieten.

Gleich zu Beginn der Spielzeit maß der hoch aufgewachsene Lodenträger Stückl tollkühn seine Kräfte. Wie auch das "Resi" eröffnete er die Saison mit Shakespeares blutrünstigem Titus Andronicus. Das groteske Hauen und Stechen wurde im Residenztheater großteils auf die Hinter-oder Seitenbühne verbannt. Stückl hingegen ließ seine lustigen Mordgesellen mit Pappschwertern und im Schultheaterkostüm aufmarschieren, damit sie ihr Handwerk im Scheinwerferlicht verrichten. Das Ensemble war auf diese Weise gut beschäftigt. Ernst zu nehmen war das konfuse Spektakel nicht.


Außenseiterballade

Näher ins programmatische Zentrum des Theaters führt ein Stück, das ein 23-jähriger Autor geschrieben hatte und das er selbst, nunmehr 26 Jahre alt, inszenierte: Durstige Vögel von Kristo Sagor. Landauf, landab wurde diese schrille Außenseiterballade bereits gespielt, wie geschaffen scheint sie für Stückls junge Truppe. In der Wartehalle eines Flughafens treffen sich der 17-jährige Bernhard, genannt B, die deutlich ältere Gundula und der wiederum deutlich ältere Tomasz, ein wohnsitzloser Gentleman. Szene um Szene wird das illustriert, was früher Generationenkonflikt hieß und heute eine Stilfrage ist.

Florian Stetter, die mit Abstand größte Begabung des Ensembles, führt B als einen körperlich blitzschnell von höchster Elastizität zu äußerster Starrheit wechselnden Jungen vor, der glaubhaft der Zufallsbekanntschaft Gundula (Sophie Wendt) versichert, dass er sie liebe. Diese wiederum, ess- und brech- und liebessüchtig, verschwindet mit ihrem Exfreund Peter auf die Damentoilette zum Quickie. Zuvor spricht sie in eiskalter Klarheit den Monolog, der dem Stück den Titel gab: "Kalte Vögel. Durstige Vögel. Fette Vögel. Sie zerschneiden den Himmel in Streifen."

Jung sein, so sagt es dieser Abend, heißt Abstand nehmen von allen Regeln der Distanz, die Tomasz (Alexander Duda) sklavisch befolgt, heißt einen Traum haben: "Wer geliebt wird, der liebt zurück." Jung sein kann aber auch eine quälende Veranstaltung sein: So zeigt es Ibsens missratener "Klein Eyolf" in der missratenen Regie des 25-jährigen Florian Fiedler. Weil Alfred (Karsten Dahlem) und Rita (Brigitte Hobmeier) Säugling Eyolf über ihrem Liebesspiel vergaßen, fiel ihr Sohn vom Wickeltisch und wurde zum Krüppel. In seinem siebten Lebensjahr ertrinkt er. Bei Fiedler hingegen wird Klein Eyolf im Jenseits zum Rockstar und Soldaten: Als Untoter ist er der Geist des Infantilismus, der über Christian Stückls Volkstheater schwebt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2003)

Von Alexander Kissler
  • Jungsein als theatralischer Selbstzweck trägt mitunter infantile Züge: so in Florian Fiedlers Version von Henrik Ibsens "Klein Eyolf" am Münchner Volkstheater
    foto: volkstheater

    Jungsein als theatralischer Selbstzweck trägt mitunter infantile Züge: so in Florian Fiedlers Version von Henrik Ibsens "Klein Eyolf" am Münchner Volkstheater

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