Biographie - Ein Klischee

2. März 2003, 23:59
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Die Gruppe 80 buchstabiert Max Frischs "Biographie: Ein Spiel"

Wien - "Wir haben wohl die Wahl der Mittel, aber die Wahl der Themen haben wir kaum." Was dem Autor Max Frisch für sein Schreiben als Gewissheit galt, war im eigenen Leben die Frage, um die ein Großteil seines Werks konzentrische Kreise beschreibt: Inwiefern ist das Thema der menschlichen Existenz frei wählbar? Inwieweit hätten wir die Freiheit besessen, an einer entscheidenden Biegung der kurvigen Seinsallee in eine andere Richtung abzuzweigen?

Dem Spiel mit den Versatzstücken des Lebens hatte sich Max Frisch bereits in seinen Romanen Stiller (1954) - der bekannterweise mit der Verneinung einsetzt: "Ich bin nicht Stiller" - und dem im Konjunktiv getitelten Mein Name sei Gantenbein (1964) gewidmet, als er 1967 Biographie: Ein Spiel für die Bühne schrieb: Kürmann, erfolgreicher Wissenschafter, erhält die Gelegenheit, zu beliebigen Punkten seiner Biographie zurückzukehren und neu zu entscheiden: das Leben - eine Theaterprobe. Doch wie bei einer solchen sind es allenfalls Details, einzelne Gänge, Requisiten, die verändert werden. Der Plot steht fest.

Biographie: Ein Spiel lag aber auch eine formal-ästhetische Fragestellung Frischs zugrunde: Ende der Sechzigerjahre war der erfolgreiche Dramenautor Frisch die simple Botschaft leid, die jede dramaturgische Handlungsführung zwangsläufig beinhaltet - nicht zuletzt die seiner eigenen Parabelstücke Andorra oder Biedermann und die Brandstifter: "Jeder Verlauf, der dadurch, dass er stattfindet, andere Verläufe ausschließt, unterstellt sich selbst einen Sinn, der ihm nicht zukommt." Ein Missstand, dem er eine Dramaturgie der Permutation entgegensetzte.

Durchaus zeitgemäße Fragestellungen also, die Biographie: Ein Spiel zugrunde liegen. Wovon in der Gruppe 80 nur eher - nichts zu spüren war. Anders als der Schriftsteller hatte das Theater die Wahl des Themas - offenbar nicht aber jene der Mittel: Andächtig exerzierte der Abend in der Regie von Klaus Fischer die Buchstabenhülle des Textes - wo Frisch Pfeife rauchen ließ, wurde Pfeife geraucht, hieß die Anweisung Zigarette, schlug das Bic-Feuerzeug Funken, weniger der Abend.

Zwar fanden Alexander Lhotzky und Roswitha Meyer (als Kürmanns Immer-wieder-Ehefrau) zu intensiven Momenten - Sam Selimov und Stefan Wilde allerdings, die in Dutzende Kleinrollen zu schlüpfen hatten, agierten frei nach Müllers Darstellerhandbuch für die Schulbühne. Biographie - Ein Klischee.
(DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2003)

Von
Cornelia Niedermeier
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