Das Ende des Wohnens

8. August 2003, 21:41
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Novi Sad und Aleksandar Tisma: Ilse Aichingers 60. Unglaubwürdige Reise

Vor sechs Jahren brachte mir eine ORF-Journalistin, die sich länger in Novi Sad aufgehalten hatte, einen Gruß von Aleksandar Tisma: Er hatte ihr Erinnerungen, Das gute Leben von Fred Wander, mitgegeben. Wander erzählt von Kindheit und Jugend im proletarischen Wien, von Jahren in Frankreich, von der Deportation nach Auschwitz und Buchenwald. Ich konnte es damals nur mit Schmerz lesen. Ich erinnerte mich an ein Kinoerlebnis nach dem Krieg. Die Kassierin eines Kinos in der Josefstadt sagte mir, sie wüsste Genaueres über das Schicksal meiner Angehörigen, und ich sollte am nächsten Donnerstag wiederkommen. Als ich dann wiederkam, erklärte sie: "Ich erzähle es Ihnen jetzt lieber nicht."

Danach wollte ich es lange von niemandem mehr genauer wissen. Umso weniger, als meine Angehörigen im dritten Wiener Bezirk, die alle umgekommen sind, mein Leben bis heute entschieden haben, auch jede glückliche Wendung.

Wenn ich mich heute auf die Landkarte von Serbien einlasse und Novi Sad sehe und die grün, hellgrün und grau eingezeichnete Landschaft der Vojvodina, werde ich an die Wohnung in der Hohlweggasse 1 erinnert, ihre Linien, ihren Grundriss, an jeden Raum. Und jeder Raum erinnert mich auf verschiedene Weise an Novi Sad, das ich nie gesehen habe, an seine Glücksmöglichkeit und die Schattierungen seiner Verlorenheit.

Die ersten vier Wörter Aleksandar Tismas, die mir vor die Augen kamen, fand ich schon im nächsten Augenblick nicht wieder: "Das Ende des Wohnens." Allein in Das Buch Blam ist von so viel Enden die Rede, dass einem die gewalttätigen Enden des Wohnens aus dieser Zeit schon ganz unspektakulär erscheinen. Wie das Leben der meisten in Novi Sad: Ihr Leben war auch, ehe sie ermordet wurden, unspektakulär. Aber mir geben sie, Tismas Erinnerung an sie und die meinige an die Hohlweggasse, die Möglichkeit, zu existieren und weiter zu leben.

"Stehe ich richtig oder nicht?", fragt eine junge Tanzschülerin aus Novi Sad in Der Gebrauch des Menschen. Auch in Wien gingen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Tanzstunden noch eine Weile weiter, mit Tänzern, die auf Kurzurlaub aus Woronesh gekommen waren, und weniger guten Tänzerinnen, bei jedem Schritt verunsichert wie ich, Neulinge bei Elmayer, dessen Tanzschule sich seit der Monarchie nicht verändert hatte, ganz k.u.k.

Nach den Kursstunden lief ich, um den immer noch begeisterten Kriegserzählungen des Tänzers zu entgehen, schnell durch die Dorotheergasse hinunter in das zugewiesene Zimmer in der Marc-Aurel-Straße 9, unmittelbar neben der Wiener Gestapo. Die Kriegserzählungen in diesem Laufen abschüttelnd, war ich dabei doch anderswohin unterwegs, nicht in die für meine Mutter und mich düstere Marc-Aurel-Straße, sondern in die alte Wohnung an der Wiener Verbindungsbahn, die verschlossen, geraubt worden war wie die Menschen, die darin gelebt hatten: das Ende des Wohnens.

"Der Tanzkurs stieß die Barrieren nieder", sagt Tisma, die Barrieren zwischen Verfolgten, deutschen und ungarischen Soldaten. Auch der meine bleibt bis heute hilfreich. Aber noch viel hilfreicher bleiben die Sätze von Tisma, der nicht mehr dazu kam, Novi Sad vor seinem Tod noch zu verlassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2003)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am nächsten Freitag angetreten.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Aleksandar Tisma
    1924 - 2003

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