Auf der "Jeanie Johnston" geflüchtet

23. Februar 2003, 17:00
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Der Nachbau des irischen Schiffes aus dem 19. Jahrhundert ist auf dem Weg in die USA

Dublin - Kein Essen, keine Hoffnung: Der Hunger trieb Mitte des 19. Jahrhunderts mehr als eine Million Iren in die Flucht, vor allem nach Nordamerika. Rund zwei Monate lang mussten die Menschen zusammengepfercht und hungrig an Bord von Schiffen ausharren, bis die Küste der neuen Welt in Sicht kam. Nicht wenige starben auf der Überfahrt. Auf der "Jeanie Johnston" überlebten wie durch ein Wunder alle. In Erinnerung an die Flüchtlinge wurde das Schiff nachgebaut - und ist auf dem Weg in die USA.

Mit 39 Passagieren an Bord stach die "Jeanie Johnston" vergangenes Wochenende in der Grafschaft Kerry in See. Nach einer Zwischenstation in Teneriffa soll sie am 17. April in Florida landen. Im Gegensatz zum Original kann die Nachbildung des Dreimasters sich auf einen modernen Motorenantrieb verlassen. Auch die Verhältnisse an Bord sind nicht mit den damaligen zu vergleichen - vor 150 Jahren brachte das Schiff jeweils rund 200 Menschen über den Ozean -, doch was zählt, ist die Idee.

Ursprünglich als Handelsschiff geplant

"Sie öffnete den Emigranten inmitten ihrer Verzweiflung die Tür zu einer neuen Welt", heißt es auf der Web-Site der "Jeanie Johnston". Für zahlreiche Iren habe es nach dem jahrelangen Ausfall der Erdapfel-Ernte nur die Wahl gegeben, "die gefürchtete Reise über den Atlantik auf einem Auswandererschiff zu wagen oder in Irland zu bleiben und zu verhungern". Mehr als 2.500 Menschen gelangten schließlich von 1848 bis 1855 an Bord der "Jeanie Johnston" nach Amerika, die Eigner Nicholas Donovan ursprünglich als Handelsschiff in Betrieb nehmen wollte. Angesichts der Not seiner Landsleute änderte er jedoch seine Pläne.

Auch unterwegs war das Essen knapp, die hygienischen Verhältnisse waren mehr als unzureichend. Doch mit Kapitän James Attridge und dem Arzt Richard Blennerhasset hatte die "Jeanie Johnston" zwei gute Seelen an Bord: Sie stellten sicher, dass die Quartiere gelüftet und gereinigt wurden und dass alle Passagiere genügend frische Luft schnappten, wie auf der Internet-Seite der "Jeanie Johnston" zu lesen ist.

16 Mal übers Meer

Mit ihrer Hilfe habe es das Schiff insgesamt 16 Mal übers Meer geschafft, ohne ein einziges Menschenleben zu verlieren. Stattdessen erreichte die "Jeanie Johnston" 1848 sogar ihr Ziel mit einem Passagier mehr an Bord: Der kleine Nicholas Johnston Ryal wurde kurz vor dem Auslaufen in Irland geboren; die Eltern benannten ihn in Dankbarkeit nach Eigner und Schiff.

Die nachgebaute "Jeanie Johnston" sollte schon vor drei Jahren in See stechen. Ein Schuldenskandal und der Zusammenbruch des Unternehmens warfen die Arbeiten jedoch stark zurück. (APA/AP)

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