HIV-Infektion durch verseuchte Spritzen

20. Februar 2003, 14:26
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Aus verschiedenen Statistiken afrikanischer Länder wird geschlossen, dass nur ein Drittel der Infektionen durch Sexualkontakte entstehen - Kritik an neuer These

London - Verseuchte Spritzen sind einer Studie zufolge für mehr Aids-Infektionen in Afrika verantwortlich als ungeschützter Sex. Nur ein Drittel der Infektionen würden dort durch Sexualkontakte übertragen, berichtet die britische Royal Society of Medicine am Donnerstag. Die These basiert auf mehreren Fachartikeln in der März-Ausgabe des "International Journal of Sexual Transmitted Diseases and Aids". Sie wird von einigen Forschern heftig kritisiert.

"Die Verbreitung von HIV-Infektionen in Afrika ist eng verbunden mit dem Gesundheitswesen", schreibt die Medizinergesellschaft. Das größte Risiko gehe von verseuchten Spritzen aus. Die Experten schließen dies aus verschiedenen Statistiken afrikanischer Länder.

So seien viele Kinder infiziert, ohne dass ihre Mütter unter der Immunschwäche litten. In manchen Ländern sei dies bei 40 Prozent der HIV-infizierten Kinder der Fall, besonders in solchen, wo viele Kinder geimpft würden. Ausgerechnet die Länder mit dem besten Zugang zu medizinischer Versorgung hätten die höchste Aids-Rate. Und reiche, gebildete Schichten seien stärker betroffen als arme.

Was mensch sehen will ...

All dies widerspreche komplett allen jahrelang für sicher gehaltenen Meinungen über die Ausbreitung von Aids, gibt die Royal Society zu. Wieso die "wachsenden Beweise" bisher nicht gesehen wurden, erklären die Autoren der Studien psychologisch: "Die Menschen sehen oft nur, was sie sehen wollen." Dazu beigetragen haben könnten auch "westliche Vorurteile über afrikanische Sexualität".

Zuvor gingen Forscher davon aus, dass sich 90 Prozent der HIV-Infizierten in Afrika bei heterosexuellen Kontakten angesteckt hatten. In den Ländern südlich der Sahara leben nach Auskunft der WHO 70 Prozent der HIV-Infizierten.

Kritik

In britischen Zeitungen reagierten am Donnerstag einige Wissenschafter kritisch auf den Bericht. Prof. Michael Adler von der University College London Medical School sagte in der "Times": "Es mag einen Anteil an medizinisch bedingten Infektionen geben, aber aber ich bezweifle sehr, dass er so groß ist wie angenommen." Die Daten, auf denen der Report basiert, seien veraltet und seine Schlussfolgerungen nicht belegt.

Der Epidemiologe Prof. Roy Anderson vom Imperial College in London ist sicher: "Die Zahl der Injektionen ist nicht entscheidend." Clive Evian, HIV-Experte in Johannesburg gibt zu bedenken: "Wenn Aids durch verunreinigte Nadeln übertragen würde, wären alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen betroffen. Wir finden die Krankheit aber vornehmlich in der sexuell aktiven Altersgruppe." Andere Mediziner weisen wiederum diese Auffassung zurück, denn die hohe Zahl infizierter Kinder sei unstrittig.

UNO-Mitarbeiterin Cate Hankins warnte vor den Folgen der Studie: "Das schlimmste was jetzt passieren kann ist, dass die Menschen ihre Kinder nicht mehr impfen lassen oder keine Kondome mehr benutzen." (APA/dpa)

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    foto: photodisc
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