Lebensmut und Zivilcourage

25. Februar 2003, 14:42
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Zum 100. Geburtstag der Schauspielerin Dorothea Neff

Wien - Sie verkörperte Claire Zachanassian, Marthe Schwerdtlein, Elisabeth von England genauso glaubwürdig wie die grantig-kantige "Tante Frieda" in der biederen Fernsehserie "Familie Leitner". Dorothea Neff (1903-1986), hätte am 21.2. ihren 100. Geburtstag begangen. Die am 28. Juli 1986 im 84. Lebensjahr verstorbene Schauspielerin sorgte auf der Bühne mit ihren entsagungsvollen, herben, unerbittlichen Frauengestalten für Diskussionsstoff.

Vita

Geboren wurde die Schauspielerin am 21. 2. 1903 in München, ihre Bühnenlaufbahn führte sie nach einer Ausbildung in München zunächst in der Rolle der jugendlichen Heldin und Liebhaberin nach Regensburg und Aachen, dann als Charakterdarstellerin an das Staatstheater in München und von dort über Köln und Königsberg 1939 an das Wiener Volkstheater.

Menschlichkeit und aktive Wahrung der Würde

Während sie damals auf der Bühne in klassischen Heldinnenrollen auftrat, zeigte sie auch im Privatleben Mut und Zivilcourage: In ihrer Wohnung verbarg sie ihre jüdische Freundin, die Kölner Kostümbildnerin Lilli Wolff. Vom September 1941, als Wolff den Deportationsbescheid erhielt, bis April 1945 befanden sich beide Frauen unter ständiger Lebensgefahr. Ein Baum in der "Allee der Gerechten unter den Völkern" in Jerusalem trägt heute den Namen der Schauspielerin, sie wurde mit der Ehrenurkunde und Medaille von Yad Vashem, der Holocaust-HeldInnen und MärtyrerInnen-Gedächtnisstätte in Jerusalem, gewürdigt. "Ich fordere einen Lehrauftrag für Dorothea Neff in den Fächern Menschlichkeit und aktive Wahrung der Würde des Mitmenschen unter Einsatz des eigenen Lebens" hat der "Analytiker der Österreichischen Seele", Erwin Ringel, einmal geschrieben.

Auszeichnung

Nach 1945 schrieb Dorothea Neff Wiener Nachkriegs-Theatergeschichte. Sie spielte in Horvaths "Geschichten aus dem Wienerwald" im Volkstheater die Großmutter, die Titelrolle in Dürrenmatts "Besuch der alten Dame", die Mutter in "Die chinesische Mauer", und 1963 Brechts "Mutter Courage". Für diese Rolle wurde sie mit der Josef Kainz-Medaille ausgezeichnet.

Mut zum Leben

Nachdem sich ihr Gesundheitszustand zunehmend verschlechterte, hatte sie sich nach sieben Netzhautoperationen schon beinahe aufgegeben, nahm jedoch 1968 das Angebot Leon Epps an, die Mutter in Baldwins "Blues für Mr. Charly" zu spielen. Dass sie den "Mut zum Leben", so der Titel einer Neff-Biografie von Peter Kunze, gefunden hat, verdanke sie, wie sie oft betonte, ihrer Schauspielerkollegin Eva Zilcher, mit der sie eine tiefe Freundschaft verband.

Lehrmeisterin

Walter Felsenstein holte Dorothea Neff ans Burgtheater, wo sie ihren Beruf trotz Erblinden weiter ausübte und die Brigitte im "Käthchen von Heilbronn" spielte. Auf der Bühne der Burg glänzte sie unter anderem als Marthe Schwerdtlein im "Faust" und als Elisabeth in "Maria Stuart". Die Schauspielerin war auch als Lehrerin tätig und vermittelte ihr Wissen an Kolleginnen wie Andrea Eckert, Julia Stemberger und Senta Berger. (APA)

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