Beseelter R'n'B und fiebriger Jazz

20. Februar 2003, 17:05
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Neue Alben von Syleena Johnson und dem Denis Colin Trio

SYLEENA JOHNSON
Chapter Two: The Voice
(Zomba)
Zu den raren Ausnahmen der meist vergebens um Intensität heischenden Stimmchen, die im zeitgenössischen R'n'B Belanglosigkeiten stöhnen, zählt Syleena Johnson. Auf Chapter Two: The Voice besticht sie mit einem eleganten Groove, der sich im Laufe des Albums als immer unwiderstehlicher entpuppt. Mit modernen Deep-Soul-Perlen wie I'm Gonna Cry oder Is That You entwaffnet die Tochter der Soulgroßmacht Syl Johnson (Take Me To The River ...) endgültig. Natürlich gibt sich Johnson gernregerecht eher eindimensional, was die Inhalte betrifft: "Nimm mich hier und jetzt, aber sei nachher auch noch da" etc. Angesichts ihrer Stimme sieht man ihr das aber gerne nach, und sogar Gastrapper Busta Rhymes hält sich angenehm zurück. Nicht vom Cover abschrecken lassen!

DENIS COLIN TRIO
Something In Common
(Universal)
Selbst Menschen, denen bei Jazz normalerweise das Gehör verfällt, bekommen Hochgefühle bei dieser CD. Das Trio covert sich gemeinsam mit Gastmusikern durch ein Jazz- und Pop-Repertoire extraordinaire. Neben Jimi Hendrix' If 6 Was 9 und schon auch etwas ins Anstrengende abdriftenden Coltrane-Variationen öffnet vor allem ein Song weit die Tür in die seltsame Welt, die sie Jazz nennen: eine Version von Wyclef Jeans Diallo. Ein grober, bitter klagender Blues-Jazz-Bastard, der den Zorn über den Mord an Amadu Diallo in New York formuliert. Als Ergebnis von Rudolph Giulianis Zero-Tolerance-Politik erschossen Cops einen unbewaffneten Schwarzen mit über 40 Schüssen, als dieser seinen Ausweis ziehen wollte. Auch Terry Callier behandelte mit Lament For The Late A.D. dieses Thema. Die fiebrige Intensität des Denis Colin Trio erreichte er nicht.
(DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2003)

Von Karl Fluch
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