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20. Februar 2003, 17:03
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"Unrest" - Erlend Oye von den norwegischen "Kings of Convenience" hat solo das Sitzen im Club entdeckt

Erlend Oye von den norwegischen Simon & Garfunkel-Erben "The Kings of Convenience" hat solo das Sitzen im Club entdeckt. Auf "Unrest" schwelgt er in hübsch-unterkühlten elektronischen Sounds.


Gegen die Ausschweifungen des Rock'n'Roll sprechen grundsätzlich drei schwer wiegende Argumente. Erstens: die Einnahme von Drogen. Zweitens: die Wirkung von Drogen. Drittens: Ozzy Osbourne. Weil aber der Exzess weder den großen Überlebenden noch die nachrückenden Milchgesichtern auszutreiben ist (The Datsuns, The Strokes, The Libertines ...), weil immer irgendwer dazu nicht bereit ist, auf Dosenbier, Gehörsturz und Überschreitung der Sperrstunde zu verzichten, war das Jahr 2001 und eines seiner unspektakulärsten Alben eine kleine, stille Sensation.

Unter dem Motto Quiet Is The New Loud veröffentlichte das norwegische Duo Kings of Convenience, bestehend aus Erlend Oye und Eirik Glambek Boe, eine Songsammlung, die exakt so klang, als würde man Simon & Garfunkel selig noch den letzten Rest an Aggression und Sentiment austreiben. Allein auf zwei akustische Gitarren und zweistimmigen Gesang vertrauend, in Ausnahmefällen von Klavier, Cello und Beserlschlagzeug begleitet, entstanden hier wunderbar traurige Stubenhocker-Songs für Teetrinker, die Oye wie folgt charakterisierte: "Wenn Trauer schöner wäre als Freude, dann wäre das Leben leichter zu ertragen."

Die britische Presse rief angesichts der Kings of Convenience und ungefähr zeitgleich auftauchender Bands wie Belle & Sebastian, Travis, die heute schon wieder vergessenen Ben and Jason und vor allem Turin Brakes für eine halbe Saison gleich einmal ein "New Acoustic Movement" aus. Musik für schüchterne und sensible Zimmerpflanzen fernab der Clubbing-Szene. Wunderbar melancholische Songs wie Winning a Battle, Losing The War oder I Don't Know What I Can Save You From. Herbstzeitlosen für Menschen, denen Leonard Cohen ab Songs Of Love And Hate aus 1971 zu sehr Richtung Heavy Metal ging, weil das Gesamtwerk von Nick Drake schon hart genug ist. Kein Wunder, dass Oasis-Entdecker Alan McGee das als "Bettnässer-Musik" disqualifizierte.

Erlend Oye gab sich damals trotzig: "Ich mag es nicht, wenn Bands den Gesang hinter einer Mauer aus Lärm verstecken. Ich will Songs, die Bilder in die Köpfe zaubern und einen Eindruck über das Leben der Künstler vermitteln. Dazu braucht es Stille. denn erst dadurch entfaltet ein Song seine Stärke und besondere Kraft."

Allerdings mussten die Karten spätestens ein halbes Jahr später neu gemischt werden. Auf dem Remix-Album Versus nahmen sich Elektronik- und Frickel-Pop-Acts wie die ebenfalls im norwegischen Bergen beheimateten Dancefloor-Lieblinge Röyksopp oder Four Tet, Alfie, Andy Votel oder Ladytron der Songs der Kings of Convenience an. Sie sorgten trotz grundsätzlich unterschiedlicher Herangehensweisen auch für einen homogenen und vor allem "zeitgemäßen" Sound, der Oye und Boe nicht nur Credibility bei den "Kräften des Fortschritts" einbrachte. Mit Versus stellte sich auch jener künstlerisch interessante wie kommerziell relevante Erfolg ein, der nun mit Erlend Oyes Soloalbum seine logische Nachfolge findet.

Spätestens mit seiner Mitwirkung beim Röyksopps Melody A.M. hat der mittlerweile in Berlin lebende Nerd auch das Clubbing entdeckt. Zumindest jenes, bei dem man auch sitzen kann. Während seiner Reisen nach New York, Barcelona, Rom oder Helsinki ließ sich Oye von Freunden und bewährten Größen wie Morgan Geist, Prefuse 73, Schneider TM oder Op:lBastards für Unrest gefällige Sounds zwischen Electro-Pop, Kopfnicker-House und Kugelschreiber-Klick-Techno auf den schlaksigen Leib schneidern lassen. Diese werden hübsch von Oyes unterkühltem Gesang konterkariert. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Moderne mit ihrer Rückbesinnung auf traditionelles Songwriting vielleicht nicht auf der völlig falschen Festplatte surft. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2003)

Von
Christian Schachinger
  • Erlend Oye Unrest (Source/Virgin)
    foto: source/virgin

    Erlend Oye
    Unrest
    (Source/Virgin)

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