Box mit Skelett

26. Februar 2003, 09:13
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Regale gehören zur Gattung der langweiligen Möbel. Selten gelingt es Designern, dem Bekannten etwas Neues hinzuzufügen, das Bisherige zu verbessern - meist werden nur Varianten des Bekannten hervorgebracht. Anders ist das bei einem Regal, das nun Europa zu erobern scheint.

Entworfen hat dieses Regal Stefan Irion. Ein junger Unternehmer, der, tätig in Winterthur in der Schweiz, bis vor wenigen Jahren seine Einkünfte mit der Anfertigung präziser Architekturmodelle bestritt. Was offenbar seine Leidenschaft für konstruktive Details beflügelte, ihn aber auch lehrte, Projekte beharrlich und mit Geduld voranzutreiben - auch gegen den Widerstand vermeintlicher Fachleute. Denn allzu euphorisch fielen die Urteile der Szene zunächst nicht aus, als er 1999 ein erstes Regal, das aus übereinander gestapelten Kisten bestand, präsentierte. Wohl aber reagierten die Besucher der Messe "Blickfang" in Zürich positiv und verliehen den Publikumspreis. Und die Presse berichtete.

Aber zufrieden war Stefan Irion noch nicht. Denn um im gehobenen Segment des Möbelhandels für voll genommen zu werden, braucht es schon ein bisschen mehr als nur gestapelte Holzkisten. Zu wenig raffiniert wirkten die Böden und Deckel der Kisten, die sich beim Stapeln zu Doppelböden auftürmten.

Skelettbauweise

Und so grübelt der Modellbauer, analysiert den Markt. Bis er zu dem simplen Ergebnis kommt, dass es eigentlich nur zwei Arten von Behältermöbeln gibt: solche, die aus einem Skelett bestehen, das mit Platten beplankt wird, und solche, die mehr oder minder schlichte Boxen sind. "Also", erklärt Irion, "muss man ein Möbel bauen, das die Stabilität der Skelettbauweise aufweist, aber auch über die Fläche der Boxen verfügt." Nur einfacher muss alles sein. Viel einfacher. "Ansonsten", so meint er, "ist man mit einem weiteren Regal schlicht 30 Jahre zu spät am Markt."

Die zündende Idee kommt, wie so oft, mitten in der Nacht: Das Skelett muss in der Platte verschwinden! Ein Loch, gebohrt durch die senkrechten Platten, kann einen Metallbolzen aufnehmen. Dieser wiederum kann mit einem Gewinde alles durch Spannung zusammenhalten. Und das Ganze ermöglicht das Stapeln wie bei Kisten, vermeidet jedoch doppelte Böden - der obere Boden dient für die nächste Etage als unterer Boden.

Irion ist wie elektrisiert: Gleich am Morgen zieht er den Telefonstecker aus der Wand, setzt sich hin und konstruiert den ganzen Tag lang. Und weil bald klar wird, dass weder Industrie noch Handwerk imstande sind, so lange Löcher in Platten zu bohren, entwickelt er gleich eine spezielle Bohrmaschine dazu. Von seiner Lösung ist er derart überzeugt, dass er sogleich mit der Fertigung in Großserie beginnt, sich einen Showroom einrichtet.

Schlag auf Schlag

Händler hingegen halten sich zurück: Kein einziger folgt seiner Einladung auf die Messe "Wohnsinn" in Basel, die im Mai 2000 stattfand - die vornehme Szene ignoriert ihn schlicht. Nicht aber die Kunden. Sie kaufen zum Teil sofort auf der Messe, andere pilgern in den folgenden Monaten aus der ganzen Schweiz nach Winterthur. Nun, zunächst langsam, wird auch der Handel wach. Und bald geht alles Schlag auf Schlag: Teo Jacob, der wohl einflussreichste Designhändler der Schweiz, richtet in Zürich eine Sonderausstellung ein, Alinea, Produzent mit eigenem Showroom, besorgt das Gleiche in Basel, nur viel größer.

Plötzlich ist selbst der Weg in die Stätten der Kultur offen: DasMuseum für angewandte Kunst in Köln zeigt das gespannte Plattenmöbel 2001 in der Ausstellung "Made in Switzerland". Jetzt folgen zahlreiche Sonderausstellungen in allen vornehmen Möbelgeschäften der Schweiz. "Einige davon haben wir nur gewonnen, weil Menschen in die Läden gegangen sind und das Regal kaufen wollten", berichtet der 34-jährige Unternehmer. Mittlerweile steuert Irion auf einen Umsatz von weit über einer Million Franken zu, hat in Deutschland schon Händler gefunden, etwa in Bonn, Frankfurt oder Würzburg. Berlin, Hamburg oder Stuttgart hat er im Visier. Auch Österreich steht, neben den Niederlanden, Belgien und Skandinavien auf der Expansionsliste - wenngleich sich noch keine Händler bei ihm gemeldet haben.

Für die rasche Verbreitung des Minimalmöbels glaubt Irion auch eine Erklärung parat zu haben. Es sei eben ein Möbel unserer Zeit, würde aktuellen Bedürfnissen entsprechen, was er sogleich erklärt: "Alles soll schneller gehen, wir müssen immer effizienter arbeiten, mehr in kürzerer Zeit schaffen, flexibel sein, keine Kraft vergeuden, Ressourcen einsparen." Das alles sieht er in seinem Entwurf repräsentiert. Vielleicht hat er Recht. Vielleicht ist es aber auch die radikale Vernunft, die sein Konzept zum Ausdruck bringt.

Denn während andere Hersteller von Kastenmöbeln vornehmlich Luft zum Kunden transportieren - was ökologisch kritisch zu betrachten ist - kommt sein Möbel kompakt in einer Kiste durch die Tür. Wie bei Ikea. (DER STANDARD/rondo/Knuth Hornbogen/21/02/2003)

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    foto: stefan irion
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