von Linda Reiter

20. Februar 2003, 17:34
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Frau Gundula erinnert sich: Sie haben hier kürzlich einmal im Zusammenhang mit "wichtigen Aussprüchen im Leben" geschrieben: "Sex wäre schön, aber gehen wir wenigstens auf den Jägerball." Dieser Satz ist bei mir hängen geblieben. Was haben Sie damit gemeint?

Liebe Frau Gundula, das war mehr so ein Stimmungsbild. Ich stelle mir die Szene in einem dieser neueren deutschen Filme vor, wo alle endlich Sex haben wollen und keiner das Notwendige dafür tut. Nehmen wir etwa ein Ehepaar um die 40, er verspießt, sie verhärmt, beide der Romantik entwöhnt. Und dann plötzlich: Kinder ausgeflogen, Hund im Park abgebogen. Gänseleberparfait daheim bei Kerzenlicht und riesengroßen Rotweingläsern. Fortgeschrittene Stunde. Sie hat schon die obersten sieben Knöpfe der Bluse offen. Er hat seine Stimmbänder mit Nussöl einbalsamiert und mit einer Schicht geriebenen Mandeln überzogen. Ihre Wimpern flattern. Dann flüstert er ihr ins Ohr: "Darling, weißt du, was wir jetzt machen?" Dramaturgische Pause. Er: "Wir gehen auf den Jägerball!" Die Kamera blendet das Kuvert mit den beiden Karten ein. Darauf ist ein Bock abgebildet.

Frau Isabella schreibt: Guten Tag, Frau Reiter. Sie haben sich schon mehrmals mit der Belanglosigkeit und Gezwungenheit von Gesprächen im Freundeskreis beschäftigt. Unlängst haben wir (im Freundeskreis) darüber diskutiert. Es war übrigens ein gutes Gespräch! Ich glaube, es geht weniger darum, dass die Menschen mehr Unsinn reden als früher, sondern dass viele es verlernt haben, zuzuhören, wenn ein anderer spricht.

Na ja, Frau Isabella, das eine schließt das andere nicht aus. Man könnte auch fragen: Wer war zuerst da? Der, der Schwachsinn geredet hat, oder der, der nicht zugehört hat? Ich wäre aber durchaus für eine Hören-Sie-zu-Aktion scharf unter dem Motto: "Schwachsinn braucht Kontrolle". Aber wo fangen wir da an?
Freundlichst, Linda.Reiter (Der Standard/rondo/21/02/2003)

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