Gegen den "Herrn Karl" in uns

21. Februar 2003, 22:55
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Zum Tod des Wiener Karikaturisten Erich Sokol (1933-2003)

Wien - Einen Schnurristen hat ihn sein Freund Thomas Pluch einmal genannt: Es komme bei Erich Sokols Karikaturen nicht so sehr auf die Pointe an, sondern auf genaue Beobachtungen psychologischer Feinheiten. Das Überzeichnen von Porträts prominenter Menschen der Gesellschaft hat Sokol mit einem seiner beliebten Modelle, Thomas Bernhard, gemein.

Der 1933 in Wien geborene studierte Handelswissenschafter prägte vor allem das kollektive Bildgedächtnis Österreichs der 70er- und 80er-Jahre. Ein selbst ernannter Adabei der Kreisky-Ära, ein Arbeiterkind, das seine frühen künstlerischen Schritte bei der Arbeiterzeitung machte. Für sie erfand er mit Franz Kreuzer etwa die Figur der "ÖVP-Tant'", einer fülligen Dame mit schwarzem Käppi, mit der er sich von der hinteren Witzecke auf Seite eins platzierte.

Der distanzierte Blick von außen, den lernte Sokol besser vom Ausland her, als er sich am Institute of Design, Chicago, von 1957 bis 1960 weiterbildete und Karikaturen für Punch, Stern oder New York Times - und Playboy - schuf. In kaum einem Medium Österreichs hat Sokol nicht seine Zeichenspur hinterlassen. Blatt hat er sich keines vor den Mund schieben lassen, auch als er "von einem mächtigen kleinen Mann" geklagt wurde. Sokol gewann.

Rund 20 Jahre lang, bis Neville Brody eine neue Ära einläutete, verpasste der Zeichner dem ORF auch seine Corporate Identity als Chefdesigner. Er schuf auch, kolportierterweise für einen Fisch und einen Chablis, das Logo der Gourmet-Cateringfirma Do & Co. Sokols ironische Bilder kommen weder zynisch noch total verletzend herüber. Was ihn furchtbar ärgerte, war der ewige Karl Kraussche "Herr Karl" in uns, der Spießer, den sein Freund und beliebtes Motiv, Karl Qualtinger, so gut verkörpert hatte.

Der viel prämierte Zeichner Erich Sokol ist diese Woche einem Krebsleiden erlegen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2003)

Von Doris Krumpl
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    Erich Sokol

  • SokolFernsehen(Verlag Ueberreuter)
    grafik: ueberreuter/sokol

    Sokol
    Fernsehen
    (Verlag Ueberreuter)

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