Multipliziertes Klangerlebnis

21. März 2003, 14:39
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Zweimal klassisch, einmal Jazz - drei Frauenorchester stellen sich vor

Schon lange vor der Jahrhundertwende, nämlich im Jahre 1868, feierte das "Erste Europäische Damenorchester" große Erfolge: Gegründet von Komponistin und Dirigentin Josefine Amann-Weinlich startete das Ensemble von Wien aus mit zunächst nur sechs Geigerinnen auf Konzertreisen durch Österreich, Ungarn und Italien. Mit später 22, dann sogar 40 Mitgliedern ging es anschließend sogar in die USA und nach Russland, wo die Damen mit Oper und Tanzmusik im Strauß-Stil ihren Erfolgszug fortführten.

Bis heute haben Frauenorchester ihre Tradition fortgesetzt: Wenngleich es auch noch keines geschafft hat, sich gegen die großen, legendären Männerorchester durchzusetzen – die Beliebtheit beim Publikum ist ihnen gewiss. dieStandard.at bringt drei von ihnen im Porträt: das Vienna Philharmonic-Women's Orchestra, das erste Frauen-Kammerorchester Österreichs und das jazzige United Women's Orchestra.

The Vienna Philharmonic-Women`s Orchestra

Die Wiener "Frauen-Philharmonie" ist erst knapp vier Jahr jung und so etwas wie eine Antwort auf die Wiener Philharmoniker, die bis vor kurzem keine Frauen aufnahmen: Dirigentin Izabella Shareyko und ihr Mann Klaus Peter Schneider gründeten das Ensemble 1999 und geben seither Konzerte von Kammermusik über Barock und Stravinski bis zu Bartok und zeitgenössischen Werken. "Derzeit haben wir rund 20 Mitglieder aus über 12 Nationen – mit verschiedenem Hintergrund und aus verschiedenen Kulturen, aber alle von ihnen mit Wien-Bezug", schildert Shareyko.

Alle von ihnen sind professionelle Musikerinnen haben langjährige Erfahrung im Ensemblespiel – eine Grundvoraussetzung, um aufgenommen zu werden - viele haben auch bereits unter hochrangigen Dirigenten und in berühmten Ensembles gespielt oder tolle Preise gewonnen: "Wir suchen uns die Mitglieder so aus, dass die Harmonie im Orchester stimmt", so die Dirigentin weiter. "Probespiele halten wir keine ab, weil wir das nicht für gut halten – wir hören die Musikerinnen zum Beispiel bei Diplomprüfungen und sie müssen ihr Können dann direkt im Orchester unter Beweis stellen – das ist eine ganz andere Situation."

Derzeit gibt das Orchester etwa fünf bis sechs Konzerte pro Jahr, immer in anderer Besetzung, mit immer neuen Ideen, in Zusammenarbeit mit Sängerinnen und Instrumental-Solistinnen. Das Besondere: "Die Harmonie im Ensemble, neben dem Musikalischen zählt bei uns nämlich auch das Menschliche sehr viel", sagt Klaus Peter Schneider. "Viele ZuhörerInnen haben uns auch bestätigt, dass ein Frauenensemble eine ganz besondere Wirkung hat: Es ist ein Genuss, den Musikerinnen beim Spielen zuzuschauen - sie strahlen bei der Arbeit, geben ihrem Spiel jeweils eine ganz persönliche Note und ihre Begeisterung für die Sache überträgt sich direkt auf das Publikum."

Wie die meisten anderen Frauenorchester lebt auch das Womens Philharmonic Orchestra von Privatsponsoring, und ist von Quartetten, Duetten bis zum kompletten Ensemble buchbar. Für die nächste Zeit gibt´s bereits viele Pläne, auch CDs sind bereits erschienen: "Wir haben Ideen über Ideen – unter anderem wollen wir uns zum Beispiel noch stärker mit moderner Musik des 20. Jahrhunderts beschäftigen."

1. Frauen-Kammerorchester von Österreich

Das bereits alteingesessene Frauenensemble wurde im Herbst 1982 von Brigitte Ratz gegründet – mit dem Ziel, damit "das musikalische Potential von Frauen verstärkt in die Öffentlichkeit zu bringen." Viele der Musikerinnen, die ihre ersten Erfahrungen im Frauen-Kammerorchester sammeln konnten, sind heute in renommierten in- und ausländischen Orchestern tätig. Bei größeren Konzerten gibt es meist Themenschwerpunkte, ein fester Programmbestandteil sind auch österreichische Erstaufführungen und Uraufführungen, Zeitgenössisches, sowie Werke von Komponistinnen und unbekanntere Werke großer Komponisten. Auch internationale Konzertreisen werden unternommen. Bisherige CDs: "Apfelbaum" und "Bauerngarten".

Mit derzeit 45 Orchestermitgliedern will das Ensemble in den nächsten Jahren "die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen der Kunst verstärken, also noch häufiger mit Tänzerinnen, Sängerinnen, aber auch mit Schauspielerinnen und Sprecherinnen Programme entwickeln", so Brigitte Ratz, die im Jahre 1972 auch die Frauenabteilung in der Gewerkschaft "Kunst – Medien – Freie Berufe" gründete.

Ihre Wünsche für die Zukunft definierte die Orchester-Leiterin in einem Interview folgendermaßen: "Leider gibt es keine Wunscherfüllung ohne finanziellen Rückhalt - ich wünsche mir, dass gewisse Voreingenommenheiten, die oft unbewusst sind, überwunden werden. Denn wir erleben häufig, dass Menschen, die unser Orchester zum ersten Mal hören, über dessen Qualität erstaunt sind. Scheinbar ist es im Unbewussten verankert, dass Frauen nicht so gut musizieren können wie Männer."

United Women´s Orchestra

Unter der Leitung von Christina Fuchs aus Köln und Hazel Leach aus Arnheim in den Niederlanden präsentiert dieses Jazzensemble ausschließlich Eigenkompositionen der beiden Dirigentinnen. "Das ist das Besondere an uns – wie spielen nur neues Material", so Christina Fuchs. "Unser Repertoire umfasst Modern Jazz, der sich von klangexperimenteller Musik, freien Satz- und Improvisationsformen, aber auch von Volksmusik und traditioneller BigBand-Stilistik inspirieren lässt."

Auch dieses, 1992 gegründete, Orchester lebt ausschließlich vom Booking-Geschäft: Mit seinen derzeit 19 internationalen Mitgliedern ist es quer durch die Niederlande und Deutschland zu hören, in Wien gastierten sie vergangenes Jahr im Kosmos-Frauenraum. Und wie ist das Ensemble entstanden? "Anfangs waren wir nur ein Pool von Leuten, die Lust hatten, gemeinsam Musik zu machen und etwas zu gründen, was es noch nicht gab - unsere Premiere hatten wir dann auf dem 'European Women in Music Congress' in Remscheid." Heute spielen aussschließlich Profis im Ensemble. "Weibliche Profis gibt es im Jazz auch gar nicht so viele", sagt Fuchs. "Jedenfalls viel weniger als Männer – aber das verändert sich durch die verstärkte Jazz-Ausbildung an den Hochschulen."

Ist es anders, nur mit Frauen zu arbeiten? "Es ist leichter, wenn Frauen untereinander sind, sozialer." Ob es sich ein reines Frauenensemble auch leichter als Marktidee verkaufen lässt? "Es ist ein Aspekt, der mitspielt – 19 Frauen auf der Bühne, das hat was für sich." Aber es sei in gewissem Sinne auch schwieriger, "weil es viele Vorurteile gibt und wir uns immer erst beweisen müssen, bevor man uns was zutraut – offen traut sich das aber natürlich niemand zu sagen.“

2002 hat die BigBand ihre neue CD "Virgo Supercluster", eine Kooperation mit dem WDR, herausgebracht. Weitere bisherige Höhepunkte ihres Schaffens waren zum Beispiel die Teilnahme an großen Festivals wie in Hamburg. Aber: "Es ist in der Musik wie in der freien Wirtschaft: In die wirkliche hohen Etagen lässt man uns als Frauen einfach nicht hinein." So hätten sie bei den Berliner Jazztagen schon etliche Male vergeblich angeklopft. Man zeigte zwar Interesse, lehnte aber bisher dennoch immer ab: "Wirkliche Erklärung gab es dafür natürlich keine – vielleicht wollen die Männer der Branche ja einfach unter sich bleiben?"

Isabella Lechner

KONTAKTE:

Vienna Philharmonic Women´s Orchestra
Argentinierstraße 42/10, 1040 Wien
Tel.: 01/503 93 83 oder 0676/374 21 20

1. Frauen-
Kammerorchester von Österreich

Maria Theresienstraße 11, 1090 Wien
Tel.: 01/313 16/83 880 oder 0676/510 88 48

United Women´s Orchestra
Christina Fuchs, Gummersbacherstraße 27, 50679 Köln
Tel.: 0049/221/881 392 oder 0049/173/953 50 93

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  • The Vienna Philharmonic Women´s Orchestra
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    The Vienna Philharmonic Women´s Orchestra
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    Das 1. Frauen-Kammerorchester von Österreich
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