"Junge Forscher haben zu wenig Perspektive"

19. Februar 2003, 19:28
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Ein STANDARD-Streitgespräch zwischen dem Chemiker Günther Bonn und der Mikrobiologin Renée Schroeder

Wien - "Der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) sollte in keiner Dachorganisation beheimatet sein", begann Günther Bonn, Mitglied des FWF-Kuratoriums, das STANDARD-Streitgespräch, das in den Räumen des Biotech-Unternehmens Intercell Dienstagabend zur Frage "Biotechnologie: Hat Österreich die Forschungsförderung verschlafen?" Premiere hatte. "Grundlagenforschung braucht ein Fixbudget und Freiheit", unterstrich Bonn. Er ging damit auf die vom Bildungsministerium geplante Bündelung der Forschungsförderungslandschaft ein.

In einigen Firmen sei bereits über eine Reduktion der Forschungsbudgets diskutiert worden, weil man hoffte, durch das neue Dach auch Gelder aus dem FWF zu bekommen, warf STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl in seiner Rolle als Moderator ein. "Genau diese Gelder fehlen dann den Universitäten", stimmte Bonn als Vorstand des Instituts für Analytische Chemie der Uni Innsbruck zu. Diese Tatsache sei Grund genug, dass angewandte und Grundlagenforschung nicht unter ein Förderungsdach zu stecken seien. Was er sich aber vorstellen könne, sei eine stärkere Verknüpfung von Grundlagenforschung und dem angewandten Sektor - wie etwa mit dem Forschungsförderungsfonds der gewerblichen Wirtschaft (FFF). Auch könne "die Zukunft" nicht sein, dass man den FWF "unangetastet" lässt, und dass "keine Schwerpunkte diskutiert werden können - im Gegenteil: Die Gesellschaft müsse Themen vorgeben können. Denn die Praxis, ein Gebiet gezielt zu fördern", so Bonn, "hat in den USA eben gerade die Biotechnologie so gestärkt."

Stichwort Biotechnologie: "Österreich", rekapitulierte Renée Schroeder, Professorin am Institut für Mikrobiologie und Genetik in Wien, " hat 15 bis 20 Jahre später als andere mit Studien in den Biowissenschaften begonnen. Aber wir haben viel aufgeholt", meinte sie, und nannte das Vienna Biocenter als beispielhaften Cluster von Uni-Instituten, öffentlich und privat finanzierter Grundlagenforschung und Unternehmertum, und "das sollte auch in Innsbruck und in Graz passieren", fügte sie noch hinzu. Bonn war diesbezüglich anderer Meinung: "Ostösterreich ist bei Patenten europaweit auf Platz 13 von über 190 solcher Zentren", und das müsse man "mit größter Konsequenz" aufrechterhalten, anstatt "den typisch österreichischen Fehler" zu machen und zu glauben, dass die Initialinvestition schon reicht. Allein von Geldern des Forschungsrats fließen derzeit 78 Millionen Euro in die Biotechnologie, und das solle auch so bleiben.

Doch gute Forschung bedarf auch guter Leute. "Junge Forscher und Studenten gehören zu unseren stärksten Ressourcen", hakte an dieser Stelle Schroeder ein. Hierzulande ausgebildete Biowissenschafter schneiden international sehr gut ab. Zudem sei Österreich "in der glücklichen Lage, dass 40 bis 50 Prozent der Grundlagenprojekte gefördert werden" - ein guter Durchschnitt im Vergleich zu anderen Ländern. Das Problem: "Unsere jungen Leute haben nach dem Alter von 30 oder 35 wenig Perspektive." Vorhandene Stipendien müssen daher ausgebaut werden. Schroeder, selbst Wissenschafterin des Jahres 2002, plädierte für Grundlagenforschung mit einer angewandten Perspektive und mehr Hilfe beim Übergang in die Selbstständigkeit. "Man sollte also die Kultur des Firmengründens fördern, aber gleichzeitig nicht zu viel verlangen", führte sie aus: Fehler seien ein Teil des Lernprozesses. So könne etwa eine Aufgabe für eine Dachorganisation zur Forschungsförderung sein, einen Fonds für Venture-Capital einzurichten, wo gute Leute über einen längeren Zeitraum risikoreich forschen können. (Eva Stanzl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 2. 2003)

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