Vormarsch des digitalen Buchs - Amazon Kindle kommt nach Europa

12. August 2008, 09:31
183 Postings

Mit Kindle hat Amazon einen Überraschungshit in den USA gelandet - Ausgerechnet zur Frank­furter Buchmesse soll der Buchkiller in Europa starten

Der Bildschirm wird nie das gedruckte Werk verdrängen: So oder ähnlich wird seit Jahrzehnten argumentiert, wenn es um die Frage geht, ob elektronische Medien Büchern, Zeitungen und Magazinen ihren Rang als kulturelle Leitmedien streitig machen können. Aber auch wenn Papier, wie der Blick auf jeden Schreibtisch zeigt, als eine Art temporärer Bildschirm (ausdrucken, verwenden, kurz darauf wegschmeißen) unentbehrlich ist, gedruckte Medien können sich ihrer Unverzichtbarkeit weit weniger sicher sein. Außer als bleibende Metapher unserer Sprache: Bände spricht da das Ende des gedruckten Brockhauses, der vor wenigen Monaten seine Niederlage gegenüber Online-Lexika eingestand, dem Buchdruck den Rücken kehrt und hinfort nur mehr als Online-Ausgabe bestehen will.

Zur Buchmesse

Just zur Frankfurter Buchmesse, dem Hochamt der Gutenberg'schen Buchkultur, kommt jetzt möglicherweise ein weiterer Tiefschlag für das Buch daher: Kindle, der überraschend populäre Reader von Amazon, den es bisher nur in den USA gibt. Das will zumindest www.faz.net, die Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, aus dem Kreis von Buchverlagen herausgefunden haben.

"Auch andere Länder"

Auch wenn das halbherzige Dementi auf den Fuß folgt: Der Termin sei "reine Spekulation", erklärt Amazon-Sprecherin Christine Höger gegenüber dem Standard. Nachsatz: "Wir wissen, dass viele Kunden auch außerhalb der USA daran interessiert sind, den Kindle zu kaufen, und dementsprechend wollen wir den Kindle auch in anderen Ländern zur Verfügung stellen." Wann, wo: ein Geheimnis.

Mit dem Kindle hat Amazon im November vergangenen Jahres nicht nur einen Reader, Gefäß und Display für elektronische Bücher, auf den Markt gebracht, sondern ein komplettes System ähnlich Apples iPod und dem Onlinestore iTunes für Musik. Kindle stellt Bücher auf seinem buchgroßen Schwarz-Weiß-Display, das auch bei Sonnenlicht gut lesbar ist, in Fast-Druckqualität dar, und man kann mittels Minitastatur blättern, Stichworte suchen und Randnotizen machen, und Amazon bietet eine Online-Plattform von 145.000 Büchern (und einigen Zeitungs- und Zeitschriftentiteln).

All inclusive

Die Bücher werden über Mobilfunk geladen, wobei der Preis für den Datendownload im Buchpreis enthalten und kein separater Mobilfunk-Vertrag nötig ist. Der Kindle ist damit das erste Datengerät, das das mobile Datennetz ohne Endkundenvertrag benutzt - ein interessantes Experiment für die nach neuen Verdienstmöglichkeiten suchende Mobilfunkbranche.

Wie viele Kindles Amazon bereits verkauft hat, darüber schweigt sich der Onlinehändler aus. Nach Berichten von TechCrunch, einem angesehenem Technologie-Blog, sind es bisher 240.000 gewesen. Zusammen mit den dazu verkauften digitalen Büchern soll dies Amazon einen Zusatzumsatz von 100 Millionen Dollar beschert haben, rechnet TechCrunch unter Berufung auf Quellen aus dem Unternehmen vor.

Innerhalb weniger Stunden ausverkauft

Unbestritten ist, dass die erste Kindle-Lieferung im November des Vorjahres innerhalb weniger Stunden ausverkauft waren, das Gerät seit dem heurigen Frühjahr wieder lieferbar ist und sich nach einem zehnprozentigen Preisnachlass (auf 359 Dollar, 239 Euro) großer Nachfrage erfreut. Davon zeugt auch der von Amazon offiziell bestätigte Marktanteil elektronischer Bücher: Bei Titeln, die es sowohl physisch als auch digital gibt, habe die elektronische Version im Juli zwölf Prozent Anteil gehabt, bestätigt Höger. Im Mai hatte Amazon-Gründer und CEO Jeff Bezos diesen Anteil erstmals und noch mit sechs Prozent bekanntgegeben. Bücher können digital erheblich billiger sein: Neuauflagen, die als Hardcover rund 25 Dollar kosten, sind um etwa zehn Dollar erhältlich.

Geschaffen für den Kindle

Ein Markt im Besonderen scheint wie gemacht für Kindle zu sein: Lehr- und Fachbücher. Diese sind, aufgrund meist kleiner Auflagen und geschützter Märkte, besonders teuer und werden oft in kurzen Intervallen aktualisiert - so wie Online-Lexika. Und ist erst einmal ein Anfang gemacht, dann kann leicht auch ein Berg ins Rutschen kommen. Wovon die Musikindustrie ein Lied singen kann.

Buchkiller?

Aber ist der Kindle überhaupt ein Buchkiller? Jeff Bezos sieht es anders: "Mit der Zeit werden Bücher auf elektronischen Geräten gelesen werden. Physische Bücher werden nicht völlig verschwinden, so wie Pferde nicht völlig verschwunden sind." Bücher seien erstaunlich: die einzige Technologie, die 500 Jahre lang fast völlig unverändert überlebt hätte. "Wir sehen den Kindle als einen Versuch, das Buch zu verbessern, auch wenn es fast 500 Jahre lang Änderungen widerstanden hat." (Helmut Spudich, DER STANDARD/Printausgabe; 12.8.2008)

  • Kindle als Buchersatz.

    Kindle als Buchersatz.

  • Schmal und handlich.

    Schmal und handlich.

Share if you care.