Dollar-Rallye überdeckt Ölsorgen

12. August 2008, 19:12
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Die US-Währung ist im Vergleich zum Euro so teuer wie seit sechs Monaten nicht mehr. Die Euroschwäche resultiert aus Konjunktursorgen, was wiederum den Ölpreis fallen lässt

New York/Frankfurt/Wien - Der Kurs des Euro hat am Dienstag seine Talfahrt der vergangenen Tage fortgesetzt, der Dollar notierte in Relation zur europäischen Gemeinschaftswährung so hoch wie seit einem halben Jahr nicht mehr: Ein Euro kostete zeitweise 1,4870 Dollar, bewegte sich im Verlauf des Dienstags wieder über 1,49 Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Dienstag auf 1,4907 Dollar festgesetzt, am Freitag der Vorwoche waren es noch 1,5074 Dollar gewesen.

"Das relativ optimistisch ausgefallene Interview von Bundesbankpräsident Axel Weber hat den Euro etwas gestützt" , sagte Devisenexperte Stephan Rieke von der BHF-Bank. Laut Weber sind Rezessionsängste für die deutsche Wirtschaft übertrieben. "Es gibt keinen Grund, die mittelfristigen Aussichten in so düsteren Farben zu malen, wie es einige der professionellen Auguren nun tun" , sagte Weber. Laut Rieke fallen die Kursgewinne des Euro angesichts der jüngsten starken Kursverluste jedoch kaum ins Gewicht.

Der Euro werde derzeit jedoch weiter durch die sich abschwächende Konjunktur in der Eurozone belastet. Die Vorstellung, dass sich die Konjunktur in Europa von den USA abkoppeln könnte, werde am Markt nicht geteilt. Eine Zinssenkung durch die EZB werde immer wahrscheinlicher, während in den USA eine Zinserhöhung erwartet werde. Viele Anleger schichteten aus Rohstoffen in Dollar um.
Wie immer gibt es eine Wechselwirkung zwischen dem Dollarkurs und dem Ölpreis (nicht zuletzt auch deswegen, weil Ölexporte in Dollar verrechnet werden). Rohöl hat sich vor allem wegen der Sorge um die Konjunktur in den Industrieländern am Dienstag weiter verbilligt: Ein Fass der US-Sorte WTI kostete nur mehr wenig mehr als 113 Dollar, gut einen Dollar weniger als einen Tag zuvor. Vor einem Monat zahlten Händler noch mehr als 30 Dollar mehr. Die in Europa führende Nordseesorte Brent verbilligte sich ebenfalls um rund einen Dollar und kostete nur mehr knapp 112 Dollar pro Barrel.

Krieg gefährdet Versorgung

Damit wurden Sorgen um die Ölversorgung über Kaukasus-Pipelines aufgrund des Krieges in ihrer Wirkung überdeckt (siehe auch Artikel unten) - auch wenn die Internationale Energieagentur (IEA) vor der Auswirkung des Konfliktes auf die weltweite Energieversorgung warnte. Die Kämpfe zwischen Russland und Georgien "bedrohen wichtige Öl- und Gaspipelines, die durch Georgien führen" , teilte die IEA in ihrem Monatsbericht mit. Georgien produziere zwar selbst nicht viel Öl, sei aber ein wichtiger Transitkorridor für die weltweiten Öl- und Gasmärkte. Ein Angriff auf eine große Erdölleitung des Landes, die BTC-Pipeline von Baku zum türkischen Hafen Ceyhan, sei eine Gefahr für den Energiemarkt.

Die IEA erhöhte ihre Prognose für den Zuwachs der weltweiten Ölnachfrage 2009 um 60.000 auf 930.000 Fass. Grund sei die Zunahme des Ölverbrauchs der Schwellenländer. Weltweit dürften 2009 87,8 Mio. Fass Öl nachgefragt werden. Die Ölförderung der Opec-Staaten stieg im Juli um 145.000 auf 32,8 Mio. Fass pro Tag. Vor allem Saudi-Arabien, Nigeria und der Iran erhöhten die Produktion. Auch Norwegen, Kanada, Brasilien und Argentinien kurbelten die Förderung an. Weltwelt nahm die Förderung im Juli um 890.000 auf 87,8Mio. Fass zu. Die Opec-Staaten haben dank der gestiegenen Ölpreise in den ersten sieben Monaten 2008 fast so viel eingenommen wie im gesamten Vorjahr. Bis Ende Juli hätten die Netto-Ölausfuhren den Mitgliedsstaaten 642 Mrd. Dollar in die Kasse gespült, teilte das US-Energieministerium mit.

Mit dem Wiedererstarken des "Greenback" verabschieden sich Investoren, vor allem große Fonds, zunehmend aus den Rohstoffen. Die Feinunze Gold verbilligte sich um bis zu 2,5 Prozent auf 802 Dollar und notierte so niedrig wie seit Dezember 2007 nicht mehr. Auch die Preise für Silber, Platin und Palladium sanken. Bei Basismetallen rutschte der Kupferpreis um 1,4 Prozent auf 7220 Dollar je Tonne ab und notierte damit so niedrig wie seit Februar nicht mehr.

Strohfeuer oder Trendwende

Nun rätseln Experten, ob die Erholung ein Strohfeuer ist oder eine Trendwende markiert. Immerhin schien bereits in der ersten Jahreshälfte 2005 der Sturz der US-Währung im Vergleich zum Euro gestoppt - um danach erst richtig Fahrt aufzunehmen. Die Abgesänge auf den Dollar als Leitwährung waren zuletzt kaum zu überhören, als die US-Währung ihre jahrelange Talfahrt Anfang 2008 noch einmal beschleunigte und etwa gegenüber dem Euro bis an die Marke von knapp 1,60 lief. Mitte Juli zeichnete sich die Wende ab.

Nicht wenige Ökonomen sehen das Comeback des Dollar mit gemischten Gefühlen. Die Schwäche der US-Währung war einer der wenigen Lichtblicke am grauen Konjunkturhimmel über der größten Volkswirtschaft der Welt, verbilligte sie doch Exporte und machte Verbraucherausgaben und Investitionen teilweise wieder wett. (Reuters, dpa, szem, DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2008)

  • Wechselwirkungen ziwschen Ölpreis und Währungen
    grafik: standard

    Wechselwirkungen ziwschen Ölpreis und Währungen

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