Kaukasusexperte Denison: "Im Rückblick war es ein Irrtum"

11. August 2008, 20:13
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Kaukasusexperte Michael Denison im STANDARD-Interview: Georgiens Präsident hat auf eine schnelle Eroberung Südossetiens gehofft

Georgiens Präsident hat auf eine schnelle Eroberung Südossetiens gehofft und dafür auch Gründe gehabt, meint der britische Kaukasusexperte Michael Denison im Gespräch mit Markus Bernath.

STANDARD: Südossetien ist zurückerobert, die Stellung in Abchasien ausgebaut - was haben die Russen jetzt noch vor in Georgien?

Denison: Sie wollen ihre Position in Georgien konsolidieren. Der bezeichnendste Kommentar kam von Wladimir Putin, der sich interessanterweise als der Mann erweist, der trotz seiner Position als Premierminister die russische Außenpolitik kontrolliert. Er erklärte, es sei unwahrscheinlich, dass Südossetien wieder in Georgien integriert werden könnte, und ich denke, dasselbe lässt sich nun über Abchasien sagen. Das Ziel der Russen ist es, diese Gebiete dauerhaft von Georgien loszulösen.

STANDARD: Der georgische Präsident geht einen Schritt weiter. Er behauptet, das Ziel der Russen sei, ihn und seine Regierung abzusetzen.

Denison: Das ist vielleicht ein strategisches Ziel, es wäre für die Russen ein erfreuliches Nebenprodukt, sollte das wirklich geschehen. Ein anderer Nebeneffekt wäre, Investoren in Georgien und Nutzer alternativer nichtrussischer Pipelines im Südkaukasus abzuschrecken. Bemerkenswerterweise haben die aserbaidschanische und kasachische Regierung alle Öltransporte durch Georgien ausgesetzt. Baku denkt nun über eine Nutzung der russischen Pipeline nach Novorossisk nach. Und was die BTC-Pipeline betrifft, so ist auch sie nach einem Brand im türkischen Teil am 6. August derzeit nicht in Betrieb. BP, der Hauptbetreiber der Pipeline, leitet einen Teil der 500.000 Barrel am Tag in Lagertanks um, doch es ist klar, dass ein anderer Teil dieses Öls nun irgendwie transportiert werden muss.

STANDARD: Hat sich Saakaschwili nicht vollkommen verkalkuliert, als er den Angriff auf die Separatisten in Südossetien anordnete?

Denison: Im Rückblick wahrscheinlich ja. Doch wenn wir frühere Militäroperationen betrachten, etwa den Einsatz in Adscharien (autonome georgische Provinz an der Grenze zur Türkei, Anm.), das ebenfalls nicht unter Kontrolle der Zentralregierung stand und wo die Armee 2004 einmarschierte, ohne große Reaktionen hervorzurufen, oder an die Vorstöße im Kodori-Tal und in Südossetien in der Vergangenheit - dann hat Saakaschwili kalkuliert: Südossetien ist kein lebensfähiger unabhängiger Staat, die russischen Truppen dort sind in einem etwas desperaten Zustand, und das Regime würde zusammenbrechen, wenn die Georgier einfach einmarschierten.

STANDARD: Warum hat das georgische Militär nicht den Roki-Tunnel geschlossen, der das strategische Eingangstor von Russland nach Südossetien ist?

Denison: Das ist eine gute Frage. Der Tunnel liegt im Norden des Gebiets, der nicht einfach zu erreichen ist für die russischen Truppen. Die Georgier in Südossetien standen eher im Süden und Südosten der Provinz. Eine Schließung des Tunnels wäre von Russland wohl auch als aggressiver Akt verstanden worden. Die Georgier hofften wohl einfach, sie könnten Zchinwali einnehmen, ein Fait accompli schaffen, und das gesamte Gebiet würde dann den Georgiern zufallen. Im Rückblick stellt sich das als Irrtum heraus.

STANDARD: Wie lange wird die russische Präsenz in Georgien dauern? Eine Woche, einen Monat oder noch länger?

Denison: Die Russen wollen mehr oder weniger vollständig Georgiens militärisches Potenzial zerstören, um sicherzustellen, dass es keine Wiederholung eines Angriffs in Südossetien oder in Abchasien gibt. Es gibt auch eine Reihe kleinerer Positionen um die Gebiete, welche die Russen wohl einnehmen wollen. Es würde mich auch nicht überraschen, wenn es eine Pufferzone um Abchasien und Südossetien geben wird, die Russland eine stärkere Position in internationalen Verhandlungen über diese Provinzen geben wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2008)

  • Zur Person
Michael Denison ist ein Kaukasus- und Zentralasienexperte, der an der
Universität von Leeds lehrt und für Chatham House in London arbeitet.
    Foto: Universität Leeds

    Zur Person

    Michael Denison ist ein Kaukasus- und Zentralasienexperte, der an der Universität von Leeds lehrt und für Chatham House in London arbeitet.

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