Kopf des Tages: Narziss und Goldmund auf Seitensprung

11. August 2008, 19:39
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Ex-US-Präsidentschaftskandidat John Edwards hat eine Affäre eingeräumt

"Im Laufe mehrerer Wahlkämpfe habe ich begonnen, mich für etwas Besonderes zu halten und wurde zunehmend egozentrisch und narzisstisch."

Eigentlich sollte John Edwards (55) als Schöpfer dieses Satzes, den sich alle Politiker ins Stammbuch schreiben sollten, in die Geschichtsbücher eingehen. Stattdessen wird man sich an einen feschen, aber etwas glatten Hoffnungsträger erinnern, der sein öffentliches Eheglück mit einer geheimen Affäre würzte - und dabei seine politische Karriere aufs Spiel setzte. So wie einst Gary Hart und Bill Clinton und zuletzt der New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer.

Bei Edwards kommt erschwerend dazu, dass seine Ehefrau Elizabeth an Brustkrebs leidet. Dass ihre Krankheit zum Zeitpunkt seines Verhältnisses mit der unbedeutenden Filmemacherin Rielle Hunter im Herbst 2006 in Remission war, ist für Amerikas Öffentlichkeit kein Milderungsgrund. Dafür hat ihm Elizabeth verziehen.

Am Anfang des laufenden Wahlkampfes hatte es kurz so ausgesehen, als ob gerade die Krankheit seiner Frau Edwards' Ticket ins Weiße Haus sein könnte. Stoisch schien er den Schicksalsschlag zu akzeptieren, nachdem er bereits 1996 seinen ältesten Sohn bei einem Autounfall verloren hatte.

Doch trotz seiner rhetorischen Begabung gelang es dem nunmehr dreifachen Vater nicht, auf seine Rivalen Hillary Clinton und Barack Obama aufzuschließen. Seine populistischen Angriffe auf Großkonzerne und Superreiche ließen die demokratischen Wähler kalt.

Das lag auch daran, dass Edwards eigener Lebensstil nicht zu seinem linken Programm passte. Als erfolgreicher Anwalt für Schadenersatzklagen gegen Ärzte und Spitäler hatte er Millionen verdient, und mitten im Wahlkampf ließ er sich eine opulente Villa bauen. Dabei hatte er als Sohn eines Textilarbeiters und einer Postbotin im ländlichen North Carolina Armut gekannt.

Den Sprung in die Politik wagte der ehemalige Football-Star nach dem Tod seines Sohnes. Schon sein erster Wahlkampf 1998 machte ihn zum Senator, sechs Jahre später bewarb er sich erstmals um die Präsidentschaftsnominierung der Demokraten. Er unterlag John Kerry, der ihn als Vizepräsidentschaftskandidaten an Bord nahm und mit ihm gemeinsam gegen Bush/Cheney unterging.

Wieso er trotz seiner Affäre, die von einem Boulevardblatt aufgedeckt wurde, das Risiko einer neuen Kandidatur einging, verstehen selbst enge Weggefährten nicht - Narzissmus hin oder her. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2008)

 

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