Flucht vor dem Krieg auf dem Traktor

11. August 2008, 21:04
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Menschen verlassen die Region um die heftig umkämpfte Stadt Gori an der Grenze zu Südossetien

Zuerst ist es ein einzelner Mann mit einer Kuh, dann eine Familie, die eine kleine Herde vor sich her treibt. Als uns schließlich ein mit Hausrat beladener Traktor entgegenkommt, wird klar: Diese Menschen fliehen. Die Straße zwischen der georgischen Stadt Gori und dem südossetischen Hauptort Zchinwali führt durch liebliche Dörfer, vorbei an Feldern und Fruchtplantagen. Der seit vier Tagen dauernde Krieg zwischen Georgien und Russland hat die Idylle zerstört.

Je mehr wir uns der Front nähern, desto menschenleerer werden die Dörfer. Ergneti, zwei Kilometer vor Zchinwali, ist fast ganz verlassen. Einzig Tariel Bagradze hält noch die Stellung, ein müder alter Mann, der nirgends mehr hinwill. Alle Nachbarn hätten sich aus dem Staub gemacht, sagt er. Die Angst vor marodierenden Banden ist groß. Die "Kosaken" , womit er russische Freiwillige meint, würden auf alles schießen, was sich bewegt. "Und sie stehen nur wenige hundert Meter vor Ergneti."

Die georgische Armee ist hier an diesem Tag nicht mehr zu sehen. Kurz zuvor noch hatten sich georgische und russische Truppen heftige Kämpfe geliefert. Entlang der Straße nach Zchinwali standen ein Dutzend georgische Artilleriekanonen, die im Minutentakt feuerten. Unter Bäumen waren Militärlaster, Panzer und hunderte Soldaten versteckt. Der Rückzug erfolgte offenbar in der Nacht. Bewohner eines Dorfes erzählen, sie hätten mehrere georgische Armeeeinheiten gesehen, die in Richtung Gori rollten. Am frühen Montagmorgen, so berichtet später der georgische Präsident selbst, hätten die Russen angeblich versucht, mit Panzern in Gori einzufallen. Am Abend nahmen sie die Stadt dann ein.

Wie in jedem Krieg ist auch diesmal die Wahrheit zuerst gestorben - oder mindestens die Objektivität. Die georgische Regierung hatte in Gori, im schmucklosen Gebäude des lokalen Fernsehsenders, ein provisorisches Informationszentrum eingerichtet. Es gibt Mineralwasser, getrocknete Äpfel und Wurstscheiben. Irakli Portschchidse, ein junger Mann in Jeans und hellblauem Hemd, ist so etwas wie der Chefkommunikator vor Ort. Er ist gerade von seinem Studienort New York in die Heimat zurückgekehrt - direkt in den Krieg. "Die russischen Flugzeuge sind in der Luft, sie können jeden Moment zuschlagen" , sagt er und zeigt für alle Fälle schon einmal, wo der Luftschutzkeller ist.

Portschchidse kann nicht nur perfekt Englisch, er beherrscht es auch, die offizielle georgische Sicht des Konfliktes darzulegen. "Es ist ein Krieg der Werte" , sagt er. Später werden die Journalisten in ein örtliches Spital geführt. Auf schäbigen Pritschen liegen dort furchtbar zugerichtete Menschen. Zwei blutverschmierte Männer erzählen, sie seien durch ihr Dorf spaziert, als neben ihnen eine russische Bombe explodierte.

Im Spitalkorridor steht ein Herr mittleren Alters, der sich als "einfacher georgischer Bürger" vorstellt, aber auffällig geschliffen argumentiert. "Wenn man den Russen heute erlaubt, Georgien zu okkupieren, welches Land ist dann morgen dran?", fragt er rhetorisch. "Es ist Zeit, dass der Westen erwacht." Es scheint, dass Georgien wenigstens als moralischer Sieger vom Schlachtfeld abtreten will. (David Nauer aus Gori/DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2008)

 

Der Schweizer Journalist David Nauer berichtet für den STANDARD aus der Krisenregion

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    Südossetische Flüchtlinge in Zchinwali

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