Integration im Gemeindebau "gescheitert"

11. August 2008, 19:12
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Wiener ÖVP kritisiert Wiener-Wohnen-Umfrage und macht eine eigene - Häufigste Kritik: Behandlung wie "Bürger zweiter Klasse" und die Vergabepraxis der Gemeindewohnungen

Sind Wiens Gemeindebauten Ghettos? Mit dieser Aussage hat sich ÖVP-Bundesgeschäftsführer Hannes Missethon bei der Wiener ÖVP, die sich eher liberal denn rechts positionieren will, in die Nesseln gesetzt. Doch offiziell tut man Missethons Sager als "bewusst überspitzt" ab: So sei es wenigstens gelungen, Integrationsprobleme zu thematisieren.

Um die im Gemeindebau zu dokumentieren, schickte die Stadt-ÖVP in schwarz regierten Bezirken (1., 4., 13., 18. und 19.) 15.000 Umfragebriefe an "Bau"-Haushalte. Lediglich 280 Meldungen kamen zurück. Der häufigste Vorwurf: Die städtische Hausverwaltung Wiener Wohnen behandle Gemeindebaumieter wie Bürger zweiter Klasse. Und: Man kümmere sich weder um Schimmel noch um "gewerbsmäßiges" Wäschewaschen.

Vergabe kritisiert

Kritisiert wurde auch die Vergabepraxis der Gemeindewohnungen: Nur neu Eingebürgerte bekämen Wohnungen. "Neubürger" würden nur Betriebskosten zahlen und zu viel Wasser verbrauchen. Fazit der VP: "Integration ist im Gemeindebau gescheitert".

In der offiziellen Umfrage der Stadt Wien (Ifes, 2006) fällt all dies unter die Rubrik "Sonstiges". Die Frage "Was sind die schlechten Seiten am Leben im Gemeindebau" beantworteten 16 Prozent mit "Ausländer". Drei Prozent meinten "Ausländerfeindlichkeit".

Auf die Frage, wer für Völkerverständigung sorgen solle, antworteten 62 Prozent der Alt-Österreicher und 46 Prozent der Migranten "Politiker". Doch diese Antwort schaffte es nicht in die veröffentlichte Version der Studie. VP-Gemeinderat Norbert Walter vermutet, dass die regierende SPÖ sich aus der Verantwortung stehlen wolle. Das Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SP) schweigt dazu: Die Studie sei von Ludwigs Vorgänger Werner Faymann initiiert worden. Präsentiert wurde die Studie aber von Ludwig.

Bemühte Studie

Doch Ludwig weiß nicht, ob Faymann die "politischen Botschaften" aus dem Berichtsband zur Studie befolgte. So wurde empfohlen, Kritik an älteren Studien zu üben: Die aktuelle Studie (von 2006) sei vom Bemühen geprägt, "ein reales Bild" zu zeichnen. Reinhard Raml von Ifes sagt dazu: "Wir liefern Fakten und - wenn gewünscht - Empfehlungen. Doch was der Auftraggeber damit tut, liegt in seinem Ermessen." So würden 72 Prozent der Gemeindebau-Mieter wieder in denselben Bau ziehen. Ifes interpretierte dies als "eher niedrig". Ludwig bei der Präsentation: "Ein wirklich erfreuliches Ergebnis."

Trotzdem setzte die Stadt Maßnahmen. Die Gebietsbetreuung wurde aufgestockt: Statt 60 betreuen nun 80 Mitarbeiter die 220.000 Gemeindewohnungen. (Marijana Miljkoviæ/DER STANDARD-Printausgabe, 12.8.2008)

  • Der häufigste Vorwurf von BewohnerInnen: Die städtische Hausverwaltung Wiener Wohnen behandle Gemeindebaumieter wie Bürger zweiter Klasse.
    foto: regine hendrich

    Der häufigste Vorwurf von BewohnerInnen: Die städtische Hausverwaltung Wiener Wohnen behandle Gemeindebaumieter wie Bürger zweiter Klasse.

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