Bolivien: Lauter Sieger, lauter Verlierer

11. August 2008, 19:05
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Morales' Ziel der nachhaltigen Armutsbekämpfung verdient Sympathie

Klare Verhältnisse wollte Boliviens linker Präsident Evo Morales schaffen. Per Referendum sollte darüber entschieden werden, ob er selbst und die weit rechten Chefs von vier gegen ihn aufstehenden Provinzen im Amt bleiben. Nun haben beide Seiten gewonnen, und es ist zu befürchten, dass sich die Konfrontation noch verschärft.

Der erste Indio-Präsident Boliviens kam nach vorläufigen Ergebnissen auf mehr als 60 Prozent Zustimmung, das entspricht auch dem Anteil der Armen im Land. Ihr Los hat der frühere Koka-Bauer zu verbessern versprochen. Aus den Einnahmen der verstaatlichten Rohstoffgewinnung finanzierte er neue Gesundheits- und Bildungsprogramme. Seinen überwältigenden Sieg bezeichnete er als Mandat für weitere Verstaatlichungen und für eine Agrarreform.

Doch die Präfekten der vier an Erdgas reichen Provinzen im Osten des Landes gewannen ihre "Abberufungsreferenden" ebenfalls, drei mit höherer Zustimmung als Morales. Sie wollen die Einnahmen aus der Gasproduktion in ihren Provinzen behalten. "Autonomie, Autonomie" schrie ihr Wortführer Rubén Costas aus Santa Cruz am Wahlabend.

Morales, der in vielem Venezuelas umstrittenem Präsidenten Hugo Chávez folgt, scheint wie dieser einen Wahlsieg als Vollmacht für die totale Umgestaltung des Landes zu betrachten. Das Ziel der nachhaltigen Armutsbekämpfung verdient Sympathie. Es ist aber ein Zeichen von mangelndem Realismus, wenn ein Präsident Teile der Bevölkerung massiv gegen sich aufbringt, statt den Kompromiss zu suchen. Kommt der nicht zustande, steht in Ländern wie Bolivien als oberste Instanz immer die Armee bereit. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2008)

 

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