Verstoßener Minister, gefeierter Schriftsteller

11. August 2008, 18:57
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Wang Meng wurde vom Regime verbannt, mit Schreibverbot belegt, später aber rehabilitiert und zum Kulturminister ernannt

Der chinesische Autor Wang Meng wurde vom Regime verbannt, mit Schreibverbot belegt, später aber rehabilitiert und zum Kulturminister ernannt. Seine Werke stehen für einen Neubeginn der chinesischen Literatur.

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Peking/Wien - Der ehemalige Kulturminister der Volksrepublik China trat im September 1989 zurück, bevor er entlassen werden konnte, weil der Liberalismus, den er verlangte, nach der Niederschlagung der Proteste vom 4. Juni 1989 nicht mehr erwünscht war. Wang Meng vermisst sein Amt, das er 1986 antrat, nicht.

Wie denn auch? Was sind schon die paar Jahre Ministerposten gegenüber den 16 Jahren Verbannung (bis 1979) in der Wüste von Xinjiang, die er erdulden musste und gegenüber den mehr als zehn Jahren Schreibverbot (bis 1977) das gegen ihn verhängt wurde. Sein Leben war ein ständiges Wechselbad: Parteiausschluss, Rehabilitierung, erneutes Ausreiseverbot.

Wang Meng hat sich immer in der Pflicht gesehen, China zu verbessern. 1947 trat er als 13-Jähriger "aus Überzeugung", wie er sagt, der Kommunistischen Partei bei und begann zu schreiben, sein Beitrag zur Schaffung des "Neuen Menschen". Den Aufruf Mao Tse-tungs "Lasst hundert Blumen blühen" von 1956 nahm er wie viele KollegInnen allzu wörtlich. Mit seiner Erzählung "Der Neuling in der Organisationsabteilung" kritisierte Wang Meng in ironischer Weise bürokratische Auswüchse von Partei und System und wurde dafür zum "Rechtsabweichler" abgestempelt.

Die Wüste von Xinjiang erwies sich zum Glück als gar nicht so schlecht. Wang Meng lernte dort Uigurisch, die Sprache der dort ansässigen muslimischen Bevölkerung, und übersetzte uigurische Volksliteratur ins Chinesische.

"Ich möchte Sie lediglich darum ersuchen, einen aufrechten, strengen Artikel zu schreiben und mich darin mit Ihrer Kritik völlig zu verreißen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte weiß ich genau, sobald jemand von Ihnen kritisiert worden ist, wird er beliebt im ganzen Land, sein Name erschüttert den Erdball!" fasst Wang Meng in seiner Geschichte "Gegenseitige Hilfe" nach seiner zweiten Rehabilitierung 1979 die eigene Lebenserfahrung zusammen.

Nicht viele chinesische Schriftsteller haben wie Wang Meng einen ungebrochenen Humor bewahren können. Auch nicht seine Art nachsichtiger Verschmitztheit, seinen Glauben an die Theorie, den die Praxis zu widerlegen scheint.

Wang Meng, der Schriftsteller, der die Bürokratie persifliert. Wang Meng, der Bürokrat, der den Schriftstellern hilft, der Übersetzer, der Redakteur bei der Vereinigung der Kulturschaffenden Xinjiangs, der Vorsitzende des Chinesischen Schriftstellerverbandes, der Kulturminister.

Ab 1978, in seiner zweiten Schaffensperiode, begann er sogar mit neuen Formen zu experimentieren: Wang Meng hat die Technik des Stream of Consciousness, also die Erzähltechnik des inneren Monologes in die moderne chinesische Literatur eingeführt. Er wurde berühmt "am ganzen Erdball", wenngleich nicht unbedingt "beliebt im ganzen Land". Viele der Werke Wang Mengs wurden inzwischen in fremde Sprachen übersetzt - nicht nur in europäische. Stolz zeigte mir der Autor einmal eine Übersetzung ins Thailändische - nicht von irgendeinem Übersetzer, sondern von der thailändischen Kronprinzessin höchstpersönlich.

Wang Meng gelangte zu internationaler Anerkennung. Seine Berühmtheit, seine Beliebtheit wurde eine "Institution", die für den Neubeginn der chinesischen Literatur steht, nach Zeiten der Revolution, in Zeiten der Öffnung, in Zeiten, in denen Literatur nicht mehr auf die Funktion des Sprachrohrs der Bevölkerung reduziert werden muss, in Zeiten, in denen sich Literatur in China anderen Herausforderungen gegenübersieht: der Konkurrenz des Kommerz, dem Wettlauf um den materiellen Vorteil.

Heute darf Wang Meng, der ambivalente Experimentator, der entbürokratisierte systemimmanente Lebenskünstler, im Verborgenen mitten in Peking ein beschauliches Leben als Privatier führen und zeigt sich ab und zu noch bei Symposien. (Richard Trappl/DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2008)

Dr. Richard Trappl ist ao. Universitätsprofessor am Institut für Ostasienwissenschaften und neben seiner Tätigkeit in der Sinologie auch Direktor des Konfuzius-Instituts an der Universität Wien.

  • Die kommunistische Partei rehabilitierte Wang Meng
Ende der 70er-Jahre. Als Kulturminister musste er aber abtreten.

    Die kommunistische Partei rehabilitierte Wang Meng Ende der 70er-Jahre. Als Kulturminister musste er aber abtreten.

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