"Fußball bewegt mehr als jede olympische Medaille"

11. August 2008, 18:53
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Seit den sportlichen Erfolgen der russischen Fußballteams entdecken Fans, Sponsoren, aber auch Politiker die Macht des Sportes

Nicht einmal die in der Dämmerung einfallenden Mückenschwärme können die gute Stimmung im Moskauer Lokomotiv-Stadion trüben. Wie wild schwenken die Moskauer Fußballfans die rot-grünen Fahnen. "Loko, Loko, Wperjod" hallt es durch das Stadion. Lokomotiv Moskau hat gerade den Ausgleichstreffer gegen den Londoner Fußballclub Chelsea erzielt. Dessen Eigentümer Roman Abramowitsch verfolgt das Spiel von einer der zahlreichen VIP-Logen aus und macht dabei kein besonders glückliches Gesicht. "Do you speak English? Then go home" , schreit ein russischer Fan in Richtung einer kleinen Gruppe von Chelsea-Fans, die im rot-grünen Farbenmeer etwas verloren wirkt.

Auf der Trainerbank von Lokomotiv freut sich auch ein Österreicher über den Sieg von Lokomotiv in der Verlängerung. Der 44-jährige Alfred Tatar, der bereits den russischen Verein Amkar Perm in Schwung brachte, ist Co-Trainer von Lokomotiv. Auch der Chefcoach des Vereins, Raschid Rachimow, ist halber Österreicher. Gemeinsam haben sie schon den österreichischen Verein Admira gecoacht.

Das Turnier, bei dem Lokomotiv schließlich den zweiten Platz belegt, wird vom mächtigen Chef der russischen Eisenbahngesellschaft RZD, Wladimir Jakunin, der von russischen Medien sogar als Nachfolgekandidat für den ehemaligen Präsident Wladimir Putin gehandelt wurde, organisiert. Zum RZD-Cup lädt der Eisenbahnchef am Tag der Eisenbahner die besten europäischen Vereine nach Moskau ein. "Das ist ein einzigartiges Prestigeprojekt für die Bahn", sagt Tatar. "Und eine gute Werbung für unseren Verein", fügt der Lokomotiv-Mittelspieler David Mujiri, der auch schon für Sturm Graz kickte, hinzu.

Lokomotiv ist ein besonderer Verein. Im Gegensatz zu den meisten anderen russischen Fußballvereinen kann Lok auf eine lange Geschichte zurückblicken. Denn mit der Sowjetunion wurden auch etliche Fußballclubs zu Grabe getragen, neue Clubs wurden in den Neunzigerjahren gegründet. In Moskau aber gibt es noch die Traditionsvereine, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegründet wurden. ZSKA Moskau wurde von der Roten Armee gegründet, Dynamo Moskau war während der Sowjetzeit der Verein des Geheimdienstes KGB, und Lokomotiv Moskau ist - wie es der Name schon vermuten lässt - der Verein der Eisenbahner.

"Für Fußball ist momentan in Russland eine sehr gute Zeit", ist der 30-jährige Mujiri überzeugt. Dem kann Tatar nur beistimmen. "Fußball gewinnt Jahr für Jahr größeres Interesse von Fans und Sponsoren", so der Lokomotiv-Co-Trainer. Namhafte Unternehmen wie der Ölkonzern Lukoil, die zweitgrößte russische Bank VTB oder der Gaskonzern Gasprom sind ins Sponsoring von Fußballvereinen eingestiegen. "Budgets von 100 Millionen Euro, wie es etwa Zenit St. Petersburg hat, waren vor zehn Jahren noch völlig undenkbar", sagt Tatar.

Seit dem Gewinn des ersten UEFA-Cups 2005 durch ZSKA Moskau sei eine "Welle des Patriotismus" über Russland geschwappt. Das Tüpfelchen auf dem i war jedoch das gute Abschneiden der russischen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft. Nach dem Sieg gegen die Niederlande befand sich das ganze Land im Ausnahmezustand. In Moskau brachten feiernde Fans eine ganze Nacht lang den Verkehr zu Erliegen. Laut Tatar hat dadurch auch die politische Nomenklatura ihr Interesse am Fußball entdeckt. "Jetzt sehen auch die Politiker, was für einen Hebel Fußball hat, das schafft keine olympische Medaille", sagt Tatar.

Für den 41-jährigen Wadim ist Fußball nicht einfach nur ein Spiel. Durch den Fußball hätten die Russen ihren Nationalstolz wiederentdeckt. "Wir haben wieder gelernt, was Patriotismus ist" , sagt Wadim mit leuchtenden Augen. Der Zusammenbruch des Sowjetimperiums und die wirtschaftlichen Turbulenzen der Neunzigerjahre versetzten das russische Volk in einen Schockzustand. Die Identifizierung mit der Nationalmannschaft half bei der Identitätssuche.

Andere sportliche Erfolge, wie etwa der Weltmeisterschaftstitel im Eishockey, haben nicht vermocht, diese Euphorie auszulösen, ist Wadim überzeugt. "Der Fußballfan ist anders als der Eishockeyfan, er ist emotionaler und hat über mehr Begeisterung." Das Meinungsforschungsinstitut "Öffentliche Meinung" gibt Wadim recht: Nur vier Prozent der Befragten sind stolz darauf, zu beobachten, wie das Land sich wirtschaftlich erholt. Genauso viele schätzen die Steigerung des militärischen Potenzials. Wladimir Putin kommt immerhin auf drei Prozent. Aber auf die sportlichen Triumphe Russlands sind 21 Prozent der Bevölkerung stolz. (Verena Diethelm aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2008)

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