Qualm der frühen Jahre

11. August 2008, 17:39
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Das exemplarische Mordgerät unserer genussarmen Tage: der - man schaudert vor seiner Nennung zurück - Glimmstängel

Immer dann, wenn sich öffentlich-rechtliche Sender jener Kulturaufträge entsinnen, die sie sich vor unausdenklichen Zeiten selbst verordnet haben, gerät mit einiger Sicherheit das exemplarische Mordgerät unserer genussarmen Tage in den Blick: der - man schaudert vor seiner Nennung zurück - Glimmstängel.

Als die ARD in ihrem Magazin "ttt - titel thesen temperamente" den rein inhalativ völlig unbelehrbaren Altkanzler Helmut Schmidt mit einer zärtlichen Würdigung bedachte, war das Malheur unübersehbar. Der Hanseat, dem Charakter nach trocken wie Alster-Sand, knastert Menthol-Fluppen, was das Zeug hält. Und das Schönste daran: Das "Zeug" hält prächtig, denn Schmidt wird im Dezember 90 Jahre alt.

Was waren das für Jahre, als sich die Bedeutungsträger der deutschen Nachkriegskultur allein schon daran erkannten, nach welchen Tabakmarken ihre Intellektuellenklüfte aus formschöner Viskose dufteten! Zappte man am Sonntag hinüber auf BR-alpha, sah man einen anderen Jubilar in schlichtem Schwarz-Weiß mit dem heute auch nicht mehr ganz jugendfrischen Günter Grass auf ein paar Schachteln Filterzigaretten zusammensitzen: Pavel Kohout erklärte seinem westdeutschen Kollegen 1968 in makellosem Deutsch, was es mit der tschechischen Reformbewegung in Prag auf sich habe.

Eine nicht abreißende Kette herrlicher Momente: Während Kohout etwas über die sozialistischen Errungenschaften in seinem Land erzählte (streng darauf bedacht, keinen Apparatschik zu vergrämen), flüchtete sich Grass (Pfeife!) in lauter niederschmetternde, merkwürdig gönnerhaft klingende Worthülsen. Grass erbat vom Kollegen, dieser möge ihm einen Sachverhalt "transparent machen" . Kaum glaublich, dass derselbe Autor einst Die Blechtrommel geschrieben hatte! (poh/DER STANDARD; Printausgabe, 12.8.2008)

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