100-Dollar-Laptop: Bedrohung für Microsoft und Intel?

11. August 2008, 15:13
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Schlechte Nachrede und Konkurrenz statt Unterstützung - die Industriegiganten haben schwere Geschütze gegen die Non-Profit-Organisation aufgefahren

Es hat sich viel getan, seit MIT-Guru und Philanthrop Nicholas Negroponte im Jahr 2005 einen 100-Dollar-Laptop angekündigt hat, der das Bildungssystem in Entwicklungsländern revolutionieren sollte. Alleine, der XO genannte Billig-Laptop kostet fast 200 Dollar und der Name des Projekts "One Laptop Per Child" ist noch immer nicht Programm. Der Grund dafür sei bei Microsoft und Intel zu suchen, die mit ihrer Lobbying-Arbeit dem Projekt stark zugesetzt haben, so die Times.

370.000 XOs in Gebrauch

Während Microsoft das Projekt nur schlechtredete, habe Intel seine gesamte Marketing-Macht ins Feld geworfen. "Ich hatte drastisch unterschätzt, wie weit kommerzielle Unternehmen gehen, um ein humanitäres Projekt zu zerstören", so Negroponte gegenüber der Zeitung. Statt Millionen von Laptops an die Regierungen und letztendlich Kinder zu bringen, befinden sich bislang nur 370.000 Stück im Einsatz.

AMD und Open Source

Obwohl es sich bei OLPC um ein wohltätiges Projekt handelt, sehen Microsoft und Intel darin offenbar eine große Bedrohung für ihr Geschäft. Der XO ist einerseits besonders billig und untergräbt den Trend zu immer aufwändigerer und umfangreicher Hard- und Software. Der Prozessor stammt von Intels Erzrivalen AMD. Und: der XO setzt mit der selbstentwickelten Linux-Distribution Sugar grundsätzlich auf Open Source Software.

Netzwerke aufbauen

Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, mehrere Geräte ohne WLAN miteinander verbinden und ein Netzwerk aufbauen zu können. Ist ein XO per WLAN an das Internet angeschlossen, wird die Verbindung zudem auch auf andere Geräte übertragen. Die Hardware für sich genommen, kam bei Testen jedenfalls gut an.

Kritik an Software

Die Software hatte indes weniger gute Kritik von der Weltpresse erhalten. Das Betriebssystem sei für Erwachsene mit Computer-Erfahrung nur schwer zu erlernen. Nachdem das Gerät 2007 in Massenproduktion gegangen war, schrieb der Economist, dass die Technologien schlecht implementiert seien und Sugar mühsam sei.

Interne Krise wegen Dual-Boot

Microsofts ehemaliger Chairman Bill Gates - obwohl selbst als Wohltäter und Philanthrop bekannt - wetterte anfangs ebenfalls gegen den XO. Mittlerweile bietet der XO einen Dual-Boot-Modus, mit dem auch Windows installiert werden kann (der WebStandard berichtete). Ein Schritt, der nicht bei allen Mitarbeitern Negropontes gut ankam. Sugar-Entwickler Walter Bender hatte deswegen sogar die Organisation verlassen. Die Maßnahme rief jedenfalls auch die Frage auf den Plan, ob es bei dem OLPC-Projekt um ein konkretes Gerät mit Open Source-Software gehe oder um die Idee, einen günstigen Laptop für den Bildungsbereich auf den Markt zu bringen.

Classmate als Antwort auf XO

Bei Intel würde man wohl letzteres unterstreichen, nachdem der Konzern mit dem Classmate ebenfalls einen günstigen Bildungs-Laptop vorgestellt hatte. Der Chip-Hersteller bestreitet jedoch, den Classmate als Antwort auf den XO entwickelt zu haben. Doch das Non-Profit-Projekt ist dem Weltkonzern ein Dorn im Auge. 2004 hatte Negroponte bei Intel angefragt, einen günstigen Chip für sein Projekt zu entwickeln. Aber nur "so lange man es nicht Laptop nennt", soll man ihm bei Intel gesagt und ihn dann mehrere Monate zappeln haben lassen. Schließlich wandten sich die Entwickler erfolgreich an AMD.

Deal gescheitert

Mit dem Classmate habe Intel überall dort Fuß zu fassen versucht, wo Negroponte bereits mündliche Zusagen für die Lieferung des XO gehabt habe. Intel habe mit diesem aggressiven Marketing 2006, 15 Monate nach der offiziellen Ankündigung von OLPC, begonnen, so Negroponte. Nachdem Intels Versuche, der Non-Profit-Organisation das Wasser abzugraben, öffentlich bekannt wurden, habe der Konzern angeboten, sich am OLPC-Projekt finanziell und mit einem Chip zu beteiligen. Der Deal kam jedoch nicht zustande, weil Negroponte eine exklusive Partnerschaft mit Intel gefordert hatte, wie der Chip-Konzern im Jänner erklärt hatte.

Konstruktivistische Wurzeln

So sehr die Kampagnen von Microsoft und Intel dem OLPC-Projekt auch zugesetzt haben, sind sie doch ein Beweis für die Macht der Idee hinter dem XO. Negroponte hatte die Idee, Computer für die Bildung in Entwicklungsländern einzusetzen, lange vor 1985 - dem Jahr, in dem er das MIT Media Lab gründete. OLPC baut auf der Theorie des Konstruktivisten Seymour Papert auf, die besagt, dass Kinder etwas am einfachsten erlernen, wenn sie etwas aktiv tun, anstatt nur passiv zuzuhören. 1999 gründete Negroponte schließlich eine Schule in Kambodscha und fand schnell heraus, dass seine Idee mit den damals erhältlichen, teuren Notebooks nicht umzusetzen war.

XO-Nachfolger angekündigt

OLPC und dem XO wird von wohlgesonnenen Akteuren der Branche jedenfalls eine vielversprechende Zukunft vorausgesagt. Bis 2010 will das Unternehmen einen Nachfolger des XO auf den Markt bringen, der mehr wie ein E-Book funktionieren soll. Inzwischen sollen XOs in Lateinamerika ausgeliefert werden und insgesamt Millionen von Geräten von Kindern in 16 Ländern genutzt werden.

OLPC in der Wolke?

Die Zukunft des 100-Dollar-Laptop könnte aber auch anders aussehen. So könnte auch das Design für Open Source-Entwickler freigegeben werden, wie es etwa Chip-Hersteller Via mit seinem OpenBook getan hat. Oder aber, das ganze System könnte in die "Cloud" verfrachtet werden. Beim Cloud Computing werden Applikationen und Speicher über das Netz bereitgestellt, was die Kosten für die reine Hardware nochmals reduzieren könnte. Eines ist jedoch sicher, der XO hat die Computer-Branche nachhaltig beeinflusst und das zeigt sich nicht zuletzt im aktuellen Boom von kleinen, billigen Laptops, genannt Netbooks. (red)

  • Stieß seit seiner Ankündigung 2005 auf heftigen Gegenwind: Nicholas Negropontes 100-Dollar-Laptop für Kinder in Entwicklungsländern.
    foto: epa

    Stieß seit seiner Ankündigung 2005 auf heftigen Gegenwind: Nicholas Negropontes 100-Dollar-Laptop für Kinder in Entwicklungsländern.

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