Selbstlos zum Doktortitel

11. August 2008, 15:24
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Studieren zum Selbstzweck - In Österreich wird laut einer Studie vor allem aus "inhaltlichem Interesse, ohne konkrete Karriereabsichten" dissertiert

Wien  - Auch wenn die Dissertation gemeinhin als Startpunkt einer wissenschaftlichen Laufbahn gilt, so hat der Großteil der Studierenden an österreichischen Universitäten zunächst nicht die akademische Karriere im Sinn: Über 58 Prozent der im Rahmen einer nationalen Erhebung befragten rund 2.500 Doktoranden treibt vor allem "inhaltliches Interesse ohne konkrete Karriereabsichten" an, ein Doktoratsstudium zu absolvieren. Bei 53 Prozent steht "der Ausblick auf bessere Karrierechancen im nichtwissenschaftlichen Bereich im Vordergrund".

Die Studie über das Doktoratsstudium aus Sicht der Studierenden wurde im Auftrag des Wissenschaftsministeriums (BMWF) und des Wissenschaftsfonds FWF vom Wiener Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung (WIHO) an der Fakultät für Interdisziplinäre Fortbildung und Forschung der Uni Klagenfurt im Vorjahr durchgeführt. Erste Ergebnisse wurden bereits im Österreichischen Forschungs- und Technologiebericht 2008 veröffentlicht, die vollständige Untersuchung soll laut BMWF im Herbst präsentiert werden.

Doktorat als Überbrückung

Rund 44 Prozent führten die Planung einer wissenschaftlichen Laufbahn im akademischen Bereich als einen Grund für ein Doktoratsstudium an. "Immerhin für ein Drittel der Befragten gilt auch die Planung einer wissenschaftlichen Karriere in der Wirtschaft als motivierend", heißt es im Technologiebericht. 19,6 Prozent der 2.535 Befragten nutzen das Doktorat als "Überbrückung" bis zu einem interessanten Jobangebot.

Passend zu diesen Ergebnissen zeigt sich auch das Bild der Erwerbstätigkeit unter den Doktoranden: Drei Viertel arbeiten neben dem Studium, davon ein Drittel und vor allem Männer Vollzeit. Als mögliche Ursache dafür verweisen die Autoren auf 20 Prozent der Befragten, die familiäre Sorgepflichten zu übernehmen haben. Somit sei ein höherer Finanzierungsbedarf auch neben dem Studium abzudecken.

Ein Drittel bekommt kein Geld

Mehr als ein Drittel (38 Prozent) der Doktorats-Studierenden bekommen keine dissertationsbezogene Finanzspritze. Im Fall von Förderungen sind vor allem die Universitäten über die Grundfinanzierung (17,6 Prozent) sowie der Wissenschaftsfonds FWF (13,6 Prozent) die Quellen.

Die Mehrheit der Befragten fordert, "wesentlich mehr vollfinanzierte Stellen für Doktorandinnen und Doktoranden in einem transparenten, kompetitiven Verfahren auf Basis der Eignung der Bewerber" zu vergeben, heißt es im Technologiebericht. Der Ausbau von Finanzierungsinstrumenten "nach dem Muster von Doktoratskollegs" sowie die bessere Einbettung der Doktoratsausbildung in ein "systematisches Ausbildungs- und Forschungsprogramm" stehen zudem auf ihrer Wunschliste. Auf Ablehnung treffen Maßnahmen wie eine Verlängerung der Studienzeit und eine stärkere Trennung zwischen Betreuung und Begutachtung.

Wenige Dissertationen für die Wirtschaft

Knapp drei Viertel der Doktoranden suchten sich die Erstbetreuung ihrer "Diss." selbst aus und trat von sich aus an den Betreuer heran. "Inhaltliche Expertise" der Person und "kollegiales Klima in ihrem Umfeld" waren dabei das vorrangige Auswahlkriterium. Für etwa die Hälfte der Doktoranden in den Naturwissenschaften und der Technik spielte das Angebot eines finanzierten Doktoratsstudiums bei der Auswahl eine Rolle.

Der Anteil jener Dissertationen, die im wirtschaftlichen Bereich erarbeitet werden, ist laut der Studie "über alle Disziplinen hinweg sehr gering". Über 70 Prozent der Doktoranden verfassen die Dissertation im universitären Umfeld. Nur unter den Studierenden der Wirtschaftswissenschaften schreibt die Hälfte ihre Arbeit im industriellen Umfeld, so der Technologiebericht. Als Dissertationssprache spielen dabei "Deutsch und Englisch eine nahezu gleichberechtigte Rolle". (APA)

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    Eine wissenschaftliche Laufbahn spielt für viele Doktoratsstudierende in Österreich keine wesentliche Rolle.

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