Kräuter am Wegesrand

11. August 2008, 11:35
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Wienerin veranstaltet Kräuterspaziergänge und vermittelt Heil- und Alltagswissen aus längst vergangenen Zeiten

Wien - Seifenkraut, Wiesenschaumkraut, Muskateller - so einiges an Heil- und Wildkräutern findet sich im Naturschutzgebiet Wiener Berg, doch nur die wenigsten kennen die Gewächse oder wissen, dass man mehr damit anstellen kann, als sie ihrer Schönheit wegen zu bewundern oder als unnützes Unkraut auszureißen. Was früher Kräuterweibern an Wissen über Heilpflanzen vorbehalten war, können heute Frauen bei der Wienerin Irmgard Neubauer bei Kräuterspaziergängen und in Kursen lernen.

Während die Teilnehmerinnen ihre Runden am Wiener Berg ziehen, zeigt ihnen Neubauer je nach Saison, welche Pflanzen wozu nütze sind. Häufig unerkannt bleiben z. B. Blumenkresse, Pfefferminze, wilder Vogerlsalat, wilde Karotten. Letztere "haben weiße Wurzeln, schmecken süßer und müssen länger gekocht werden als die gewöhnlichen", erklärt Neubauer. Und sie werden am besten "abgenagt wie ein Maiskolben".

Für alles ist ein Kraut gewachsen

Brennnesseln hingegen "kann man essen wie einen Spinat und für alles Mögliche verwenden". Die Samen - "sind's grün, ist es zu früh, sind's braun, ist man fast zu spät dran" - zerrieben mit Meersalz sollen gut für Bluthochdruck-Betroffene sein. Und gegen Kopfweh hilft Tee aus frischen Pfefferminz-Blättern. Das alte Kräuterwissen scheint seine Kreise da und dort noch bis in die Gegenwart zu ziehen: Ungebeizte Petersil-Samen seien zur Abtreibung genutzt worden, berichtet Neubauer und setzt hinzu: "Heute bekommt man in Österreich nur gebeizte Samen." Auch bei Versuchen, mit Rainfarn abzutreiben, hätten früher viele Frauen ihr Leben gelassen.

Auch die eine oder andere Sage gibt es zu hören: "Vor vielen, vielen Jahren hat eine schwedische Kräuterfrau namens Ingeborg von Mjärhult gelebt. Die Heilerin war recht beliebt und begehrt. Eines Tages ist sie geholt worden, weil die Milch zum Käse nicht gerinnen wollte. Und sie hat das natürlich geschafft." Daraufhin sei Ingeborg verdächtigt worden, im Bündnis mit dem Teufel zu stehen und das Volk sei vor ihr gewarnt worden, erzählt Neubauer. "Die meisten haben gelacht, weil sie eh gewusst haben, dass man einfach Labkraut dazugeben muss. Sie ist jedenfalls freigekommen und ist über 80 Jahre alt geworden." Labkraut sei früher übrigens auch Strohkraut genannt worden, weil man damit Kopfpolster gefüllt hat.

Naturkosmetik selbst gemacht

Wer nach dem Spaziergang "Kräuterfeuer" gefunden hat, kann in Kursen Neubauers seine eigene Naturkosmetik produzieren: Salben, Brennnessel-Haarwasser, diverse Öle bis hin zur Zahnpasta. Nur zuschauen gilt nicht: "Die Frauen müssen alle selber an die Töpfe ran." Schließlich soll nach dem Kurs etwas hängen bleiben und auch nach den Spaziergängen sollen die Frauen einige Pflanzen wiedererkennen können - vielleicht sogar im eigenen Garten. "Ich bin über das Kräuterwissen zum Feminismus gekommen", sagte Neubauer, die auch Vorträge über Frauengeschichte hält. Es sei eine alte Tradition: "Ich führe nur weiter, was tauschende Frauen auch schon getan haben." Die 38-Jährige hält übrigens auch Kurse über "Medizin am Wegesrand". (APA)

 

 

Der nächste Spaziergang findet am 15. August statt, wenn der sogenannte "Frauendreißiger" beginnt: In den Tagen vom 15. August (Maria Himmelfahrt) bis 8. September (Maria Geburt) wird den Kräutern von je her eine noch größere Heilwirkung zugeschrieben. Anmelden kann man sich über die Website www.frauengarten.at/ und Infos zu den Vorträgen sind unter www.frauenwissen.at/ abrufbar.

  • Im Bild: Selbst gezogene Kräuer in Blumentöpfen für Terrasse, Balkon oder Fensterbank
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    Im Bild: Selbst gezogene Kräuer in Blumentöpfen für Terrasse, Balkon oder Fensterbank

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