Noch da, aber trotzdem weit weg

11. August 2008, 10:59
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Hirnschäden können im Koma, im vegetativen Zustand oder im Zustand des minimalen Bewusst- seins enden - Alle bedeuten Leben in einer Grauzone - Für Betreuende eine Zeit der Suche

Der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon fiel 2005 nach einer Hirnblutung in ein Koma und ist bis heute nicht erwacht. Er wird in einer Pflegeeinrichtung versorgt, dass er wieder gesund werden wird, ist so gut wie ausgeschlossen.

Immer mehr überleben Hirnschäden

Im Verbund mit Langzeitkoma wird meist auch die Frage von Sterbehilfe diskutiert. Regelmäßig gehen Meldungen durch die Presse, dass Angehörige darum kämpfen, die Behandlung von Koma-Patienten beenden zu dürfen, wie etwa bei Terri Schiavo oder aktuell im Fall der Italienerin Eluana Englaro. Aufgrund der Fortschritte in der Intensivmedizin hat die Anzahl von Patienten, die schwere Hirnschädigungen überleben, auch in Österreich zugenommen.

Leopold Saltuari, Vorstand der Abteilung für Neurologie und Akutbehandlung am Landeskrankenhaus Hochzirl in Tirol, hat Wachkoma als Forschungsschwerpunkt. "Viele hirngeschädigte Patienten erholen sich von ihrem Koma während der ersten Tage nach dem Ereignis; andere benötigen längere Zeit und durchlaufen verschiedene Stadien, bevor das Bewusstsein ganz, teilweise oder auch nie mehr zurückkehrt. Jeder Fall ist anders, je nach Alter und Ausmaß des Schadens."

Pflege

Gepflegt werden die meisten Patienten in Langzeitbetreuungseinrichtungen, von denen es rund 20 in Österreich gibt. Mediziner unterscheiden drei Formen der Erkrankung. Der Zustand, bei dem vorübergehend minimale Reaktionen auf die Umwelt feststellbar sind, wird "Minimal Conscious State" (MCS) genannt. - Kranke im "vegetativen Zustand" (VS - Vegetative State) unterscheiden sich von Wachkoma-Patienten dadurch, dass sie zwar ihre Augen manchmal offen haben, aber neben Reflexen keinerlei willentliche Regungen erkennen lassen.

Interpretation von Reflexen

Manchmal scheinen die Patienten mit geöffneten Augen wach zu sein; sie können mit den Augen rollen, Körper und Gliedmaßen unkontrolliert bewegen. Zu anderen Zeiten sind ihre Augen geschlossen, und sie scheinen zu schlafen. Sie können auf schmerzhafte und außergewöhnliche Reize ihre geschlossenen Augen öffnen und die Atmung beschleunigen. Herzfrequenz und Blutdruck wechseln. Manche Betroffene können Bewegungen wie Kauen, Zähneblecken und Schlucken ausführen. Emotionsartige körperliche Äußerungen wirken auf die Umgebung wie Ärger, Weinen oder Lächeln.

Keine 'echten' Wunder

Prognosen, wie lange ein Patient im vegetativen Status bleibt, sind unsicher. "Echte Wunder gibt es nicht", sagt Saltuari. Es sei viel mehr so, dass Patienten, die nach einigen Jahren aus einem "Koma" erwachen, eine falsche Diagnose hatten: "Einer von drei Patienten ist nicht im Wachkoma, sondern zeigt einen Zustand mit minimalem Bewusstsein. Wir haben leider keine schlafenden Dornröschen bei uns, sondern Patienten mit schweren organischen nicht reparierbaren Schädigungen. Was wir sehr wohl können, ist sie gut medizinisch versorgen."

Sterbehilfe wie im Fall von Terri Schiavo, die nach 15 Jahren im Koma durch Einstellung der Ernährung und Flüssigkeitszufuhr verstarb, lehnen die meisten Mediziner ab. Auch der deutsche Neurochirurg und Wachkoma-Experte Andreas Zieger ist überzeugt: "Es gibt kein menschenunwürdiges Leben, sehr wohl aber eine menschenunwürdige Behandlung". Seiner Erfahrung nach kann selbst ein schwer geschädigtes Gehirn wieder aktivierbar sein, wenn Patienten entsprechend gefördert werden.

Zu wenig Sauerstoff (Anoxie) für das Gehirn infolge von Herzinfarkt und schweren Operationen sind bei älteren Patienten die häufigste Ursache eines VS. Das Schädelhirntrauma ist hingegen vorwiegend eine Erkrankung des Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen: Verkehrsunfälle, Sportunfälle beim Skifahren, Radfahren und den Fun-Sportarten sind häufige Ursachen. Die Prognose nach Unfällen ist günstiger als die anoxischer Patienten.

Rehabilitation

Bereits 1967 hatte der ehemalige Vorstand der Innsbrucker Universitätsklinik Franz Gerstenbrand auf prinzipielle Rehabilitationsmöglichkeiten beim apallischen Syndrom hingewiesen und die Bedeutung früher externer Stimulationen betont. Neurorehabilitations-Einrichtungen wie das Krankenhaus Hochzirl nehmen hirngeschädigte Patienten auf, sobald die Lebensfunktionen stabilisiert sind. Neurophysiologische und funktionelle bildgebende Verfahren können Funktionen und die regionale Verteilung des Stoffwechsels im Gehirn darstellen. Rehabilitation erfordert viel Geduld und geht oft nur ganz langsam voran, Rückschritte sind häufig. So sei es schon ein großer Erfolg, wenn ein Patient durch ein Schlucktraining wieder gefüttert werden kann, sagt Saltuari.

Roboter als Hilfsmittel

Auch die Robotik hält Einzug in die Neurorehabilitation. Bewegungsschienen und Aufrichthilfen (Lokomat, Erigo) helfen, den Patienten zu bewegen und in die Senkrechte zu befördern. Dabei gilt es, Folgeschäden des langen Liegens zu vermeiden und dem Gehirn Reize zu vermitteln. Eine neue Studie von George Hornby in Chicago hat aber gezeigt, dass die Ergebnisse besser sind, wenn einfühlsame Ergotherapeuten Patienten betreuen. Roboter sind Hilfsmittel, die Zuwendung von Menschen ist für Wachkoma-Patienten die beste Medizin. (Susanne Schelosky, DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2008)

  • Echte Wunder gibt es bei Wachkoma-Patienten nicht, nur falsche Diagnosen.
    foto: standard/heribert corn

    Echte Wunder gibt es bei Wachkoma-Patienten nicht, nur falsche Diagnosen.

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