Großbritannien: Keine Operationen nach Computerumstellung

10. August 2008, 21:41
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Operationen wurden verschoben, Krebspatienten nicht untersucht - Menschen mit ansteckenden Krankheiten wurden nicht in einer Isolierstation untergebracht

Die Erneuerung eines Systems elektronischer Krankenakten hat in Großbritannien zu erheblichen Schwierigkeiten im Spitalsbetrieb geführt. Operationen wurden verschoben, Krebspatienten nicht untersucht

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London/Wien - Die Idee eines vernetzten Gesundheitsbetriebes, in dem Krankenakten von jedem Spital und Mediziner abgerufen werden können, ist eine der bevorzugten Visionen von Gesundheitspolitikern in Europa. Nicht immer funktioniert das System aber so reibungslos wie von den Machern erhofft.

Umgerechnet 19 Milliarden Euro wurden in die Modernisierung der Datenverarbeitung des britischen "National Health Service" (NHS), des öffentlichen Gesundheitssystems, investiert. Das neue Computersystem hatte seit dem Vorjahr aber zum Teil gravierende Auswirkungen für die Patienten, zitiert die britische Zeitung The Observer aus Studien, die seit dem Vorjahr erstellt wurden.

Die Einführung hatte besonders in den Krankenhäusern zu technischen Komplikationen geführt. Im Londoner Stadtteil Enfield zeigte eine Untersuchung für den örtlichen Krankenhausbetreiber, dass hunderte Operationstermine teilweise kurzfristig abgesagt werden mussten, weil entweder Daten über die Patienten nicht verfügbar waren oder Managementsysteme versagten.

Verunsicherte Patienten


Die Folgen waren verunsicherte Patienten. In der für das Gebiet zuständigen Beschwerdestelle wurden im Vorjahr 14.000 Anfragen besorgter Menschen registriert - im Jahr 2006 waren es lediglich 5500.

Bei einem anderen Spitalsbetreiber zeigt sich ein ähnliches Bild. Bis Mai dieses Jahres konnten die internen Richtlinien, wonach Notfallpatienten innerhalb von vier Stunden behandelt werden müssen, nicht eingehalten werden - vor allem, weil die Belegschaft nicht mit dem Computersystem vertraut war. Aus demselben Grund mussten auch Patienten mit akutem Krebsverdacht länger auf eine Abklärung warten als die üblichen maximal zwei Wochen.

Keine Isolierstation für ansteckende Krankheiten

In einem dritten Spital wird nicht ausgeschlossen, dass Menschen mit ansteckenden Krankheiten fast drei Wochen lang nicht in eine Isolierstation gebracht wurden. Auch hier gab es Probleme mit der Datenübermittlung, berichtet der Observer, das Klinikpersonal musste die Akten händisch aktualisieren.

Pilotprojekte in Österreich

In Österreich haben sich derartige Probleme bei bisherigen Pilotprojekten für den "elektronischen Gesundheitsakt" (Elga) offiziell nicht ergeben. Ein Beispiel ist ein Versuch in der Steiermark namens H.Elga, bei dem eine integrative Versorgung und Betreuung für Träger von Herzschrittmachern erprobt wird. Für die kommenden Wochen ist ein erster Zwischenbericht mit den Erfahrungen von Ärzten und Patienten angekündigt. (Michael Möseneder/ DER STANDARD Printausgabe 11.8.2008)

 

 

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