Den Schlüssel zum Schloss finden

10. August 2008, 21:33
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Rollenspiele, Gespräche, Fantasiereisen sind Methoden der Verhaltenstherapie, mit der psychische Störungen gelöst werden - Die Therapeutin Bibiana Schuch im Interview

MedStandard-Serie über die Wege der Psychotherapie - Teil 3: Verhaltenstherapie

STANDARD: Wie würden Sie Verhaltenstherapie charakterisieren?

Schuch: Es handelt sich um eine sehr moderne Psychotherapieform, die sich stets am aktuellen Wissen der Psychologie und Psychiatrie orientiert. Wir überprüfen unsere Methoden laufend, um sie bei Bedarf zu erweitern. Diese Forschungsorientierung zeigt sich auch in der Anzahl der Veröffentlichungen: Pro Jahr erscheinen zwei- bis dreitausend wissenschaftliche Arbeiten zur Verhaltenstherapie. Inhaltlich ist Verhaltenstherapie sehr zielorientiert: Es ist stets klar, woran gerade gearbeitet wird. Fortschritte werden laufend überprüft. Therapieverläufe über viele Jahre sind eher unüblich.

STANDARD: Wie sieht der Ablauf einer Verhaltenstherapie aus?

Schuch: Wir arbeiten nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: Je nach Störung - zum Beispiel Angsterkrankung, Depression, Persönlichkeitsstörung - und Bedürfnissen des Klienten ändert sich der Ablauf. Wir arbeiten mit unterschiedlichsten Methoden - mit Gesprächen, Rollenspielen oder kreativen Materialien. Dabei setzen wir auf mehreren Ebenen an: Das Gespräch zielt meist auf die kognitive Ebene ab, zusätzlich hat in den letzten zehn Jahren die emotionale Komponente immer mehr an Bedeutung gewonnen. Ständig seine Gefühle zu unterdrücken macht krank. Ziel ist daher, dass der Klient davon - zumindest zeitweise - loskommt. Hier stehen wiederum verschiedene Techniken wie Imaginationsübungen oder Fantasiereisen zur Verfügung.

STANDARD: Welche Sicht auf Probleme hat die Verhaltenstherapie?

Schuch: Wir gehen davon aus, dass bei einer psychischen Störung immer eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle spielen: Es gibt Risikofaktoren im Vorfeld der Erkrankung - dazu gehören auch genetische Bedingungen sowie Umstände, welche die Krankheit auslösen, und solche, die sie aufrechterhalten. Konkret: Wir schauen uns an, welche ungünstigen familiären Bedingungen hinter der Störung stehen, durch welche Ereignisse und Erfahrungen sie ausgelöst wurde und was in der gegenwärtigen Umgebung des Patienten es verhindert, dass diese Probleme sich auflösen.

STANDARD: Die Vorstellung, Verhaltenstherapie beschäftige sich nur mit dem Hier und Jetzt, ist also falsch?

Schuch: Ja. Wir setzen bei einer ganzen Reihe von psychischen Störungen in der Kindheit an. Allerdings gehen wir völlig anders mit der Vergangenheit um als etwa die Psychoanalyse. Wir glauben nicht, dass sich allein durch die Einsicht, was falsch oder ungünstig gelaufen ist, die gegenwärtigen Probleme lösen lassen.

STANDARD: Wie sonst?

Schuch: Zunächst müssen Ressourcen sichtbar gemacht werden. Das können solide soziale Beziehungen sein, bei Kindern eine gute familiäre Einbettung. Hat jemand sehr wenige Ressourcen, müssen diese aufgebaut werden. Weiters gilt es zu überprüfen, ob der Klient sich vorstellen kann, ohne seine Krankheit zu leben. Wenn jemand seit der Pubertät an einer Angststörung leidet, hat er wahrscheinlich viel von dem, was normalerweise in dieser Zeit geschieht, versäumt: die psychische Ablösung von den Eltern, die Eingliederung in eine Gleichaltrigengruppe oder die Integration des neuen Körperschemas.

Vielleicht muss hier einiges nachgeholt werden. Häufig geht es dabei um eine Arbeit am Selbstwert. Dafür muss der Klient bereit sein, neue Erfahrungen zu machen, sowohl über die Beziehungsebene in der Therapie als auch mit sich selbst. Ganz zentral ist aber, dass der Patient das, was er in der Therapie erarbeitet, auch "draußen" leben kann. Das Vor- und Nachbearbeiten dieses Transfers der Erfahrungen während der Therapie in "reale" Situationen ist daher eine wichtige Säule der Verhaltenstherapie.

STANDARD: Kritiker der Verhaltenstherapie sind der Ansicht, dass diese Methode nur Symptome behandelt und zu wenig auf Ursachen eingeht.

Schuch: Der Vorwurf, dass Verhaltenstherapie nur ein Symptom behandelt, ist blanker Unsinn. Ein Symptom loszuwerden ist eine enorme Leistung. Abgesehen davon ist das Symptom immer Teil eines komplexen Geflechts, zu dem zum Beispiel auch die Vergangenheit dazugehört. Richtig ist daher, dass die Verhaltenstherapie bei manchen Störungen auch an Symptomen arbeitet. Bei selbstverletzendem Verhalten oder bei sehr starkem Untergewicht wie bei einer Anorexia nervosa kann das sogar unabdingbar sein.

Genauso kann man bei Zwangsstörungen die Symptome nicht außer Acht lassen: Der Klient muss sich, wenn er von den Zwängen befreit werden will, diesen stellen. Und die Erfahrung zeigt: Gerade bei Zwangserkrankungen gibt es kaum eine Alternative zur Verhaltenstherapie. Sie schafft es in sehr vielen Fällen, den Klienten von den Zwangssymptomen und damit von seiner Krankheit zu befreien. (Sabina Auckenthaler, DER STANDRAD, Printausgabe, 11.8.2008)

  • Zur Person
Bibiana Schuch ist klinische und Gesundheitspsychologin sowie
Psychotherapeutin an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie des
Kindes- und Jugendalters und Präsidentin der Österreichischen
Gesellschaft für Verhaltenstherapie (ÖGVT).
    foto: standard/robert newald

    Zur Person

    Bibiana Schuch ist klinische und Gesundheitspsychologin sowie Psychotherapeutin an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (ÖGVT).

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