Der Stigma-Faktor

10. August 2008, 21:27
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Diskriminierung von HIV-Infizierten ist das größte Hindernis im Kampf gegen Aids: Kranken werden Rechte vorenthalten, staatliche Maßnahmen unterbleiben - ein Kommentar der anderen von Ban Ki-moon

Im Laufe meines Lebens habe ich viele außergewöhnliche Menschen kennengelernt, darunter Präsidenten, Könige und Diplomaten. Eine der denkwürdigsten, bewegendsten Begegnungen jedoch hatte ich vor etwas mehr als einem Jahr mit einer Gruppe HIV-positiver Mitarbeiter der Vereinten Nationen.

Diese Begegnung war für mich eine Offenbarung. Der Mut und noch mehr die Offenheit dieser Menschen im Gespräch über ihr Leben bewegten mich zutiefst. HIV bekam plötzlich ein Gesicht. Ich begann, mich zu fragen, was ich ändern und wie ich helfen könnte.

Der Gedanke an die Diskriminierung, der sich HIV-Infizierte in vielen Teilen der Welt, namentlich in Asien, so oft gegenübersehen, drängte sich auf. Vor diesem Hintergrund war ich umso stolzer auf meine UNO-Kollegen, die couragiert in die Öffentlichkeit treten, gegen Stigmatisierung und Diskriminierung angehen und dazu beitragen, die Vereinten Nationen zu einem Muster für den Umgang mit Aids am Arbeitsplatz zu machen.

In der vergangenen Wochen trafen mehr als 20.000 Aktivisten, Akademiker und politische Entscheidungsträger, in Mexiko-Stadt zur 17. Internationalen Aids-Konferenz zusammen und läuteten dort ein "neues Zeitalter" im Kampf gegen die Krankheit ein. Erstmals ist die Zahl der HIV-Neuinfektionen ebenso wie die Zahl der Todesfälle rückläufig.

Ein aktueller Bericht des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) für 2008 weist bei der HIV-Prävention in einigen der am stärksten betroffenen Länder auf ermutigende Fortschritte hin, die auf Veränderungen im Sexualverhalten, insbesondere unter Jugendlichen, und auf besseren Zugang zu antiretroviralen Medikamenten zurückzuführen sind. Ohne die nachdrückliche Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft wären diese Fortschritte nicht möglich gewesen.

Im vergangenen Monat verpflichteten sich die G8-Länder auf Hokkaido erneut zu dem Ziel, bis 2010 den allgemeinen Zugang zur HIV-Behandlung sicherzustellen. Kurz darauf unterzeichnete US-Präsident George W. Bush ein Gesetz zur Bereitstellung von 48 Milliarden US-Dollar im Laufe der kommenden fünf Jahre für den Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria. Wir müssen uns jedoch erneut vor Augen führen, dass eine der größten Hürden im weltweiten Kampf gegen Aids psychologischer Art ist.

Es geht um den Stigma-Faktor. Fast überall auf der Welt ist eine mehr oder weniger starke Diskriminierung für Menschen mit HIV tägliche Realität. In einem Drittel aller Länder ist der Schutz ihrer Rechte kaum im Gesetz verankert. Fast alle Länder lassen bestimmte Formen der Diskriminierung zu, die sich beispielsweise gegen infizierte Frauen und Kinder, gegen schwule Männer, gegen gefährdete Personengruppen richten.

Stigmatisierung ist nach wie vor das größte Hindernis für staatliche Maßnahmen. Aus Angst vor ihr scheuen viel zu viele Menschen davor zurück, einen Arzt aufzusuchen, um festzustellen, ob sie infiziert sind, und sich gegebenenfalls behandeln zu lassen. Sie ist mit dafür verantwortlich, dass Aids seine Opfer im Stillen tötet, weil Menschen aus Furcht vor gesellschaftlicher Ächtung ihre Erkrankung verschweigen oder leicht erhältliche Schutzmaßnahmen nicht verwenden. Stigmatisierung ist ein Hauptgrund dafür, dass die Aids-Epidemie nach wie vor verheerende Auswirkungen auf Gesellschaften überall auf der Welt hat.

Zivilcourage gefragt

Wir können die Stigmatisierung bekämpfen. Vorurteilsfreie rechtliche und politische Maßnahmen sind ausschlaggebend. Der erste Schritt jedoch ist Offenheit und Zivilcourage. Glücklicherweise sind immer mehr Menschen bereit, ihre Stimme zu erheben, wie es auch meine UNO-Kollegen tun.

Bei meiner Ankunft auf der Aids-Konferenz begrüßte mich eine junge Aktivistin aus Honduras mit einem Kuss. Die erst zwölfjährige Keren Gonzalez trägt das Virus seit ihrer Geburt in sich und lebt nicht nur damit, sondern entwickelt sich prächtig. Sie gibt eine von der Unicef finanzierte Zeitschrift für von Aids betroffene Kinder heraus und nimmt an Workshops überall in Lateinamerika teil, die das Bewusstsein für Aids fördern und dafür sensibilisieren sollen.

Der Schmerz der Stigmatisierung ist ihr wohlbekannt. Als sie in den Kindergarten kam, sagte man ihr, sie solle sich in eine Ecke setzen und die Bücher und das Spielzeug der anderen Kinder nicht anfassen. Mit dem Verständnis jedoch kam die Akzeptanz.

"Ich bin die beliebteste Schülerin in meiner Klasse", sagt sie stolz. Ihre größte Angst gilt nicht ihrer Gesundheit, sondern der Ungewissheit, wie man ihr in der höheren Schule begegnen wird.

Im "Globalen Dorf" der Konferenz, einem Zentrum für Gemeinschaftsaktivismus, waren weitere Menschen zu finden - Tänzer, führende Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft, selbst Friseure -, die offen ein reiches, glückliches Leben mit HIV führen. Darunter war auch eine Frau aus Malawi, Maroc Daphane Jwonde, die 1999, als ihr Mann erkrankte, von ihrer eigenen Infektion erfuhr. Seither kämpft sie gegen Diskriminierung an - man legte ihr am Arbeitsplatz nahe, nicht das Gemeinschaftsgeschirr in der Küche zu benutzen - und bat mich, ihre Geschichte zu nutzen, um "in der Welt für Wandel zu sorgen".

Diese Menschen stehen im Mittelpunkt der weltweiten Kampagne gegen Aids. Man kann nicht umhin, ihren Mut und ihr Engagement zu bewundern. Ihre Anstrengungen allein reichen jedoch nicht aus.

In Mexiko-Stadt appellierte ich an die führenden Politiker der Welt, sich gemeinsam mit diesen Menschen gegen Diskriminierung zu wenden und die Rechte der Menschen mit HIV zu garantieren. Schulen sollen Achtung und Verständnis vermitteln. Religionsführer sollen Toleranz predigen.

Die Medien sollen Vorurteile verdammen und ihren Einfluss nutzen, um soziale Veränderungen herbeizuführen, von der Gewährleistung des Rechtsschutzes bis zur Sicherstellung des Zugangs zur Gesundheitsversorgung. Vor allem jedoch müssen wir erkennen, dass nicht diejenigen, die mit HIV leben, das HIV-Stigma tragen sollten, sondern vielmehr diejenigen, die die Stigmatisierung zulassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2008)

Zur Person
Ban Ki-moon ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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    Ban Ki-moon: "Aids tötet seine Opfer im Stillen, weil die Betroffenen aus Furcht vor der Ächtung ihre Erkrankung verschweigen, keine Maßnahmen ergreifen."

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