Falsches Österreich-Bild im KZ Auschwitz

10. August 2008, 21:18
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Neues Ausstellungskonzept fehlt immer noch

Krakau/Wien - Ein Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz, vor allem im ehemaligen Vernichtungslager Birkenau mit den Eisenbahnschienen, die bis knapp vor die Gaskammern führten, gibt einen Eindruck des Menschenvernichtungssystems der Nationalsozialisten. Zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen sind im Auschwitz-Komplex und den nahen Industriebetrieben ermordet worden.

Im KZ Auschwitz 1, dem jetzigen Museum, sind in roten Backsteinbauten 14 nationale Ausstellungen untergebracht - auch eine österreichische. Doch wer diese Räume betritt, wird mit einem Geschichtsbild konfrontiert, das eigentlich entsorgt sein sollte.

Stiefeln im Stechschritt

"11. März 1938. Österreich - Erstes Opfer des Nationalsozialismus", ist da in großen Lettern gleich am Eingang zu lesen. Daneben marschieren auf einer Karte deutsche Militärstiefel im Stechschritt durch das Land. Im Inneren der Schau entfaltet sich, schlecht beleuchtet, eine Geschichte des Ständestaats und der Annexion Österreichs durch Hitler, des Naziterrors, des politischen Widerstands und der Befreiung.

Mit keinem Wort wird die Begeisterung erwähnt, die der Einmarsch der Hitler-Truppen in der "Ostmark" verursachte. Auch die Mithilfe vieler Österreicher an der Verfolgung, Beraubung und Ermordung der Juden kommt nicht vor. Ebenso wird die Mithilfe und Karriere vieler Landsleute im KZ-System ignoriert.

"Die Österreich-Ausstellung wurde 1978 eröffnet. Sie entspricht dem Stand der damaligen offiziellen Geschichtsschreibung. Aber jetzt ist sie hoffnungslos veraltet", sagt Brigitte Bailer-Galanda, Leiterin des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW). Angesichts der vielen Auschwitzbesucher aus aller Welt - 2007 kamen 1,2 Millionen Menschen in die Gedenkstätte - sei die einseitig widerständige und patriotische Darstellung "inzwischen auch ein außenpolitisches Problem".

Nach Protesten erschrockener Auschwitz-Besucher aus Österreich bemerkte man das 2005 auch im Generalkonsulat in Krakau. Also brachte man am Eingang zur Schau ein Banner an: "Dieses Geschichtsbild entspricht nicht mehr dem historischen Selbstverständnis des heutigen Österreich", heißt es in diesem "Beipacktext". An einer Neukonzeption der Ausstellung werde gearbeitet, hieß es damals.

So sei der Stand der Dinge auch heute noch. Für den Umbau bräuchte es "ein Ministerium oder das Bundeskanzleramt als offiziellen Vertragspartner der polnischen Behörden" sowie rund 800.000 Euro. Doch bisher gibt es nur eine Zusage des Außenministeriums, die Fixkosten der Schau für zwei Jahre zu übernehmen.(Irene Brickner, DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2008)

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