Dokumente differenzierender Dekadenz

10. August 2008, 19:12
posten

In einer seiner bekanntesten gesellschaftspolitischen Prophezeiungen hat Andy Warhol jedermann 15 Minuten Ruhm versprochen

Es gibt dennoch weiterhin große Unterschiede zwischen Hauptdarstellern, Selbstdarstellern und wahrhaft gewichtigen Protagonisten des gesellschaftlichen, politischen und künstlerischen Lebens - das verrät das Kompendium Sayn-Wittgenstein-Collection der oftmals fälschlicherweise als "Mamarazza" titulierten, gelernten Fotografin Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn: Während die "Mamarazza" aus der Mitte der "Society" selbst stammt, ist der "Paparazzo" in Fellinis La dolce Vita ein Outsider, ein Fotodokumentarist, der sich außerhalb der Gesellschaft befindet, ihr aber distanzlos gegenübertritt.

Sayn-Wittgenstein-Sayn präsentiert in dieser Monografie Arbeiten aus sechs Jahrzehnten: Beginnend in einer Zeit, in der Celebrities noch zurecht unter "High Society" firmierten, einer Zeit unbeschwerter und dekadenter Lebenslust, entstanden Fotos zunächst der Familie, der Kinder: Nichts ist einfach abgelichtet, alles ist inszeniert und komponiert - mondäne Moderne, gepaart mit zeitloser Tradition. Das fotografische Feld erweiterte sich rasch und parallel zu ihrem gesellschaftlichen Wirkungskreis. Ihre persönliche Begeisterung für den Autorennsport sowie Freundschaften mit Salvador Dalí, Onassis, Yves Saint Laurent, Maria Callas, Sean Connery, Gunter Sachs et alii finden ihren fotografischen Niederschlag - ein Kaleidoskop authentischer Anekdoten und Geschichten aus der "Gesellschaft" und dem Jetset.

Die Fotos aus den ersten Jahrzehnten ihres Schaffens beeindrucken durch ihre Kompositionen, die ansatzweise surrealen Inszenierungen und die Intensität des Blickwinkels. Im Laufe der Jahre, vor allem vom Ende der 80er an, tritt auf Kosten der Omnipräsenz häufig in Schnitt und Farbqualität ein Qualitätsverlust ein. Dennoch bestehen die Fotos weiterhin durch ihre intime Nähe zu den Fotografierten. Auch heuer wird Fürstin Sayn-Wittgenstein-Sayn in Salzburg wieder Hof halten, und die "Wannnabes" werden darauf drängen, am Jahrmarkt der Eitelkeiten teilzuhaben. "Manni", wie sie Freunde nennen, wird aber subtil, mittels ihrer geschulten, subjektiven Wahrnehmung, die Spreu vom Weizen trennen. (Gregor Auenhammer, ALBUM DER STANDARD/Printausgabe, 09.08.2008)

Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, "Sayn-Wittgenstein-Collection". € 78 / 256 S. Verlag teNeues, Kempen/München 2008

  • Artikelbild
    foto: regine hendrich
Share if you care.