Die Umfragen-Republik

10. August 2008, 18:55
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Naturgemäß betreiben die Boulevardmedien besonders gerne Umfragespiele

Seit vielen Jahren das Gleiche: Der Wahlkampf hat noch gar nicht richtig begonnen, aber schon überschlagen sich Meinungsforscher, Parteiengurus, Zeitungen mit Szenarien, wie die Wahlen ausgehen werden. Oder noch bizarrer: Es wird ein "Kanzlerduell" herbeigeredet, als ginge es nicht um die neue Kräfteverteilung im Parlament.

Man tut so, als hätte es die Umfragen-Irrtümer bei den Wahlen der vergangenen Jahre nie gegeben: 2002 den ÖVP-Triumph mit plus 14 Prozent, den niemand erahnte; 2006 den Sieg der vom Bawag-ÖGB-Skandal gebeutelten Gusenbauer-SPÖ gegen die Schüssel-ÖVP. Und so weiter.

Naturgemäß betreiben die Boulevardmedien besonders gerne solche Umfragespiele. Vereinfachen und brüllen ist ihr Kerngeschäft, verschärft durch offenkundige Interessen, die sie mit Werner Faymann verbinden. Jüngste Beispiele: Hans Dichand bestätigt in der Krone ganz unverblümt, dass sein Blatt, ja, "so gut wie täglich gegen die EU schreibt" und "die Herbstwahlen zu einer Volksabstimmung machen" wird. Das Österreich Wolfgang Fellners sieht SP und VP bereits gleichauf, Hausfreund Faymann "auf der Siegerstraße".

Im realen Österreich schaut's anders aus: Bei einem Drittel Unentschlossener und großen statistischen Unschärfen sind Prozentprognosen unmöglich. Trends gibt es. Interessant, wen die Leute nicht wählen wollen: Da liegt die SPÖ schlecht - man trifft derzeit auch viele, die 2006 rot wählten, aber jetzt mit ihr fertig sind. Umgekehrt gibt es viel weniger VP-Wähler, die diesmal "sicher anders" wählen wollen. Bei den Grünen ist es still. Das rechte Lager scheint mit Anti-EU, Anti-Ausländer etc. aufzublühen. Aber die meisten Wähler sind eher ratlos. Das ist sicher. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2008)

 

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