Zenmeister mit Zimbeln

10. August 2008, 18:48
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Selbstrefelxion: Die Theaterlecture "Warum Warum" von Peter Brook verfügt aber über einen famosen Zimbelmusiker, der Miriam Goldschmidt begleitet

Schlosshof/Petronell - Ursprünglich hätte es ein Abend über den russischen Theaterrevolutionär Wsewolod Meyerhold werden sollen, der zu Anfang des letzten Jahrhunderts mit einer an genauen Bewegungsstrukturen und Körperhaltungen orientierten Trainings- und Spieltechnik die Schauspielkunst erneuerte. Peter Brook hat sein "zu gewaltiges" Vorhaben nun eingedampft auf ein Potpourri an Theatertheorien, zu denen er selbst mit Der leere Raum (1968) einen nicht unwesentlichen Beitrag lieferte.

Das Theatermachen war und ist dem heute 83-jährigen Zenmeister der Theatermoderne immer auch ein Nachdenken über Theater. Ein Nachdenken, das in dem von ihm 1971 als Labor gegründeten Centre International de Recherche Théâtrale (CIRT) in Paris eine kulturenübergreifende Theatersprache erforscht. Die Bouffes du Nord, in denen das CIRT beheimatet ist, sind längst eine ehrwürdige Institution und Pilgerstätte, von der aus Peter Brook seine jeweils aktuellen Bestandsaufnahmen aussendet.

Seine jüngste Theaterrecherche ähnelt mehr einer Lecture denn einem Theaterabend - doch erspart sie uns im Titel Warum Warum das Fragezeichen. Warum? "Im Theater gibt es keine Antworten", so Brook. Es geht um eine "Evocation" (im Sinne eines Erweckens von Gedanken). Der entschlackten Kunst Peter Brooks entsprechen beim Gastspiel bei Art Carnuntum im Barockschloss Hof (jenes von Prinz Eugen) die nackten Stadelwände eines zum Schlossagglomerat gehörenden Wirtschaftsgebäudes, vor welchen die treue Brook-Schauspielerin Miriam Goldschmidt (Winnie in Becketts Endspiel) Spielen und Nichtspielen (nämlich: Theorien exemplifizierend) ineinanderführt. "Nur wenn ich spiele, lebe ich", heißt einer der ersten frei nach Descartes formulierten Grundsätze dieser Selbstreflexionsstunde, die bei allem eingeflochtenen Slapstick (kurz angespielte Szenen aus King Lear oder Ein Sommernachtstraum) Brook als Theaterphilosophen ausweisen: Die Grenzen des Spiels sind - wie bei Wittgenstein jene der Sprache - auch die Grenzen der Welt.

Weg vom logozentrischen Theater des Abendlandes, gegen das auch schon Antonin Artaud kräfteraubend vorging, zog und zieht es Brook. Er lässt Goldschmidt mittels eines auf Räder gesetzten Türrahmens "Auf- und Abtritte" des Kulissentheaters parodieren oder sie mit kritischem Blick auf den "Regiestuhl" nach einem bestimmten Gefühl (Angst) suchen. Vor allem aber zelebriert Brook Sinnlichkeit - mit der unerhörten Zimbelkunst des Musikers Francesco Agnello, die im Zusammenspiel mit Goldschmidt das intoniert, was nicht gesagt werden kann, zugleich aber "Theater" erzeugt. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 11.08.2008)

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    Für ihren "Theaterauftritt" benötigt Miriam Goldschmidt in Peter Brooks "Warum Warum" nur einen fahrbaren Türrahmen.

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