Die Verpuppung der Vergangenheit

10. August 2008, 18:43
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Salvatore Sciarrinos heitere Marionetten

Salzburg - Verpuppte musikalische Vergangenheit hat sich durch Salvatore Sciarrinos klangalchimistische Eingriffe in heiterste theatralische Gegenwärtigkeit verwandelt. Dazu hat er Segmente aus Werken von Gesualdo und Domenico Scarlatti nicht zitiert, sondern durch Veränderungen der Spielweise, durch Interpolation von Klangereignissen oder auch durch Kombination dieser Segmente untereinander verfremdet und gleichzeitig der Gegenwart angenähert. Das Ganze hat er zu einer grotesken Ballade mit dem Titel Terribile e spaventosa storia del principe di Venosa e della bella Maria zusammengebaut.

Es ist der Mord, den der Fürst und Komponist Carlo Gesualdo di Venosa 1590 an seiner Ehefrau beging, als er sie mit einem Liebhaber ertappte. Sciarrino hat diese Geschichte ja auch in seiner in Salzburg aufgeführten Oper Luci mie traditrici abgehandelt und nun zu einer Moritat gebündelt, die von der Theatergruppe Compagnia Figli d'Arte Cuticchio im Marionettentheater mit unschuldiger Heiterkeit, die jedoch von höchstem Raffinement ist, vorgeführt wurde.

Dazu mixt Sciarrino die Form der sizilianischen Puppenoper mit jener des Einmannstraßentheaters. So hat denn auch ein zu Beginn und am Ende auftretender, mit südländischem Pathos auftretender Erzähler namens Mimmo Cuticchio mit eindringlichen Gebärden in das Geschehen eingeführt bzw. dieses abgeschlossen.

Auch wenn den Inhalt des Erzählten nur jene ganz verstanden haben, die der italienischen Sprache mächtig sind, so hat seine mitunter sich dem Gesang annähernde Weise zu sprechen vielleicht schon angedeutet, worauf Sciarrino hinaus will: auf die Öffnung der Grenze zwischen Sprache und Musik. Er überschreitet diese auch mit Lauten, die noch nicht Sprache, aber auch nicht mehr Schrei sind, man könnte sie interjekive Phoneme nennen, die Carola Gay in ihren nur sparsam eingesetzten vokalen Interventionen von sich gab.

Musikalische Leuchtboje

Das Schöne an diesem Werk ist die Diskretion, mit der Sciarrino seine dem aus vier Saxofonen bestehenden "Lost Cloud Quartett" und einem Schlagzeuger anvertraute Musik einsetzt. Sie drängt sich nie in den Vordergrund. Es sind meist nur knappe Hinweise, wenn man möchte: akustische Leuchtbojen, mit denen Sciarrino die Stimmung dieser grimmig und humorvoll ablaufenden szenisch grellen Ballade andeutet. Schon in der zweiten Szene befindet sich Gesualdo mit seinen Edelleuten auf der Jagd und verfolgt ein Wildschwein, das dann erlegt nach Hause getragen wird.

In einer anderen Szene, die in der Hölle spielt, berät Luzifer mit seinem als Vampire und die Zunge zeigende Saurier gezeichneten Gefolge die weitere Vorgangsweise gegenüber Gesualdo. Von da ab mischt sich auch ein kleiner Teufel in das Geschehen, der Gesualdos begründete Eifersucht bis zum bitteren Ende anheizt. Was bei allem Ernst dieser "storia" viel Anlass zu Heiterkeit und zu begeistertem Beifall an Schluss gab. Moderne, wie sie spontan erlebbar und verständlich ist. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 11.08.2008)

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