Kinohelden, schockgefroren

10. August 2008, 18:34
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Beim Internationalen Filmfestival in Locarno sorgten österreichische Filmpremieren für Gänsehaut - Darunter Andreas Prochaskas Horrorstreifen "In 3 Tagen bist du tot 2"

Der Kontrast könnte größer nicht sein: Locarno hat sein schönstes Sommerkleid angelegt. Blauer Himmel, blauer See, die Sonne scheint. Selbst Menschen, die dicht gedrängt in langen Schlangen auf Einlass in Kinosäle warten, zeigen sich in dieser Umgebung entspannt von ihrer besten Seite. Nicht einmal die Gebrauchsjazz-Zwangsbeschallung von Bar-Terrassen will einen wirklich stören.

Nur von der Leinwand herunter weht es eisig kalt. Zumal, so könnte man nach diesem ersten Festival-Wochenende mit einigem Recht konstatieren, wenn dort eine österreichische (Co-)Produktion Premiere hat. Dann wird im Schneesturm an Steilwänden ums nackte Überleben gekämpft. Die weiß zugedeckte Landschaft mit ordentlich Blut eingefärbt. Oder aber eine andere Form von Kälte evoziert, wenn Hinterbliebene mit einem unerklärlichen Verlust zurande kommen müssen.

Drama am Berg und im Tal

Ersteres ereignet sich in Philipp Stölzls Nordwand, einem Jointventure österreichisch-deutsch-schweizerischer Produzenten und Mitwirkender. Der Film dramatisiert einen gescheiterten Erstbesteigungsversuch der Eiger-Nordwand im Jahr 1936. Benno Fürmann und Florian Lukas spielen die deutsche Seilschaft Kurz und Hinterstoisser. Simon Schwarz und Georg Friedrich deren österreichische Konkurrenten Angerer und Rainer. Ulrich Tukur und Johanna Wokalek verfolgen als mehr oder weniger abgebrühte Zeitungsreporter das lebensgefährliche Geschehen von der sicheren Aussichtsterrasse des Grandhotels unterhalb. Und einige Tausend Zuschauer ließen sich am Samstagabend auf der ziemlich überfüllten Piazza Grande bei der Uraufführung ebenfalls in den Bann schlagen.

Ein Unglück ganz anderer Art, das sich ebenfalls tatsächlich ereignete, hat den Schauspieler, Dramatiker und Filmemacher Händl Klaus bereits seit mehr als zehn Jahren beschäftigt: der gemeinsame Freitod dreier junger Männer, die ihr Vorhaben nicht ankündigen und auch keinerlei Nachricht oder Erklärung hinterlassen. Zunächst entstand ein Kurzfilm, der die eigentliche Tat zum Gegenstand hatte. In März, Händls Spielfilmdebüt, das hier in Locarno am Internationalen Wettbewerb teilnimmt, wird der Vorfall nun erneut aufgegriffen. Im Zentrum des Films steht jedoch die Zeit danach, das Weiterleben von Angehörigen und Freunden in einem kleinen Tiroler Ort bei Innsbruck.

Händls Erzählung folgt allerdings keiner Spannungsdramaturgie, das Geschehen wird vielmehr in viele kleine Beobachtungen von Alltäglichem aufgesplittert, während die Jahreszeiten wechseln. Eltern, Geschwister, Freunde versuchen zu verstehen, zu verarbeiten oder zu vergessen, was sie jedoch nicht loslässt. Mitunter wirkt die Darstellung von Sprachlosigkeit, die auch der Filmemacher als "zugespitzt" bezeichnet, etwas zu angestrengt. Zugleich funktioniert der ruhige Film, zum Teil mit Laien, zum Teil mit (Bühnen-)Schauspielern besetzt, jedoch als Beschreibung von Milieus, von Beziehungsmustern und Umgangsformen, die sich durch ihren genauen Blick für Details auszeichnet.

Ein mehr dem Kino als dem Leben geschuldetes Trauma hat dagegen die Heldin von Andreas Prochaskas Horrorfilm-Sequel zu verkraften: Nina (Sabrina Reiter) hat vor zwei Jahren im Publikumserfolg In 3 Tagen bist du tot infolge einer grausamen Mordserie ihre engsten Freunde verloren. Inzwischen lebt sie in Wien, aber ein mysteriöser telefonischer Hilferuf von Mona, die damals wie Nina den Attacken einer gnadenlosen Rächerin lebend entkam, führt sie wieder aufs Land. Diesmal in ein winterliches Tiroler Tal.

Was sich dort ereignet, folgt dem Anforderungsprofil des Genres, degenerierte Hinterwäldler inklusive. Der Film ist dunkler und böser, weniger, nun ja, spielerisch als der erste Teil, möglicherweise noch mehr an den Bedürfnissen eingefleischter Fans orientiert - und eindeutig weniger am Seelenheil der Protagonistin.

An den Österreichern liegt es allerdings nicht allein, dass sich im Programmheft vorsorglich viele Warnhinweise befinden: "Dieser Film enthält Szenen, die empfindsame Zuschauer schockieren könnten." Schließlich gibt es auch noch Weltpremieren heimischer Produktionen wie diese: In Joseph Dabernigs feinhumoriger zehnminütiger Schwarz-Weiß-Studie Hotel Roccalba gehen nicht mehr ganz so junge und alte Menschen in sommerlichem Ambiente mit der allergrößten Gelassenheit ihren Tätigkeiten nach. Es werden Socken gestrickt und Haare geschoren. Der stille Flirt zwischen einer unterbeschäftigten Servierkraft und ihrem einzigen Gast scheint schon viele Jahre zu dauern. Einer hackt Holz, ein anderer repariert sein Rennrad. Das wiederum kommt der doch eher beschaulichen Realität des Tessins und seiner Sommerfrischler schon wieder recht nahe. (Isabella Reicher aus Locarno, DER STANDARD/Printausgabe, 11.08.2008)

  • Winter des Grauens: Sabrina Reiter gerät als Nina in Andreas Prochaskas
Horrorfilm-Sequel "In 3 Tagen bist du tot 2" wieder in mörderische
Bedrängnis.
    foto: filmladen

    Winter des Grauens: Sabrina Reiter gerät als Nina in Andreas Prochaskas Horrorfilm-Sequel "In 3 Tagen bist du tot 2" wieder in mörderische Bedrängnis.

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