Der olympische Gedanke und der Wahlk(r)ampf

10. August 2008, 17:59
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Wegen der Olympischen Spiele wird es jetzt für einige Wochen ruhiger werden - Mundmasken aufsetzen, wie von nun an die Athleten und Besucher, Pekings werden wir erst Ende August

Für Werner Faymann läuft es. Sein Erfolg auf dem SPÖ-Parteitag war programmiert. Und die zeitgleiche schaurig-schöne Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking wird als atmosphärischer Hintergrund zusätzliche Farbe produziert haben.
Auf den ersten Wahlplakaten lächelt er allein auf weiter Flur: "Genug gestritten". Flankiert von der ÖVP, die Faymanns Slogan mit "Es reicht" nicht nur unterstützt, sondern den Namen des SPÖ-Kanzlerkandidaten auch noch auf ein Wiener Plakat schreibt.
Gleichzeitig ereignet sich, was in Österreich seit Jahrzehnten gilt: Obwohl die katholische Kirche laufend an Einfluss (und Mitgliedern) verliert, hat die Politik starke sakrale Züge behalten. Faymann, mit den Weihen des Oberpriesters des Boulevards versehen, liest mittlerweile die Messe und lässt sowohl Gusenbauer als auch Wilhelm Molterer wie Ministranten erscheinen.

Auch im wirtschaftlichen und kulturellen Österreich beginnt die Wende. Zunächst einmal finden männliche VIPs den neuen SPÖ-Chef „sehr sympathisch". Und: „Der kann zuhören." Frauen (abgesehen von den Prammer-Fans) sind nicht so enthusiastisch. Weil sie weniger opportunistisch sind.
„Man" geht also von einem sozialdemokratischen Wahlsieg aus, obwohl weder Faymann noch Molterer wie Sieger aussehen werden. Der SPÖ-Chef wird so argumentieren wie seinerzeit Wolfgang Schüssel: „Gemessen an den Umfragen haben wir zugelegt."
Gemessen am Ergebnis der letzten Nationalratswahlen werden ÖVP und SPÖ mindestens fünf, wenn nicht zehn Prozent verlieren, weil die ungültigen Stimmen und die Voten für FPÖ, BZÖ, Grüne, Liberale und Dinkhauser (falls seine Kandidatur realisiert werden kann) den beiden Großparteien nicht mehr als 55 Prozent des Wählertopfes übrig lassen.

Der verbindliche Donau-Österreicher Faymann hat in der breiten Wählerschaft die größten Vorteile, weil die von ihm seit Jahren mit Inseraten gefütterten Massenzeitungen und Magazine seine Botschaften verbreiten. Wenn er Bundeskanzler wird, kann er ja eine wöchentliche Regierungsbilanz zum rabattierten Vorzugstarif in der Krone publizieren. Und vielleicht sogar in Österreich, dessen Fellner sich mit den Dichands um die Gunst des kommenden virilen Zentrums streitet. Vielen Untertanen genügten dann diese Botschaften und die ORF-„Seitenblicke" fürs mediale Überleben.

Der Holzschnitt-Österreicher Molterer hat es wesentlich schwerer. Es rächt sich, dass die ÖVP-Spitze konsequent zur EU steht. Man könnte ja glatt verführt werden, sie deshalb zu wählen. Oder wegen einer der wenigen Vorzüge Schüssels und Molterers: Sie haben sich nie dem Boulevard unterworfen.
Wegen der Olympischen Spiele wird es jetzt für einige Wochen ruhiger werden. Mundmasken aufsetzen, wie von nun an die Athleten und Besucher Pekings, werden wir erst Ende August. Wenn auch bei uns der Smog einfällt - und der Gestank des Wahlkrampfs droht.
Schön wäre es, wenn der olympische Gedanke der Fairness mit seinen sakralen Attributen die Politikerherzen erfasste. Und sie davon abhielte, aufeinander loszugehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2008)

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