Internationale Pressestimmen: "Jetzt ist Soforthilfe angesagt"

12. August 2008, 07:48
18 Postings

"Süddeutsche": Der russische Bär ist zurück - FAZ: Surreale EU-Appelle gegen Kriegsherr Putin

München/Frankfurt/Berlin/Stuttgart - Der Konflikt zwischen Georgien und Russland im Südkaukasus steht auch am Dienstag wieder im Mittelpunkt zahlreicher internationaler Pressekommentare.

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Der russische Bär ist zurück aus den Wäldern. Aber tatsächlich war er nie verschwunden. Im Westen hatte man lange Zeit gehofft, mit einem geschwächten Moskau gemeinsam eine neue Ära der Kooperation ausrufen zu können. Auch deshalb hatte Washington den Kreml in Tschetschenien ungehindert einen Krieg führen lassen, der in mancherlei Hinsicht an das erinnert, was sich jetzt im Südkaukasus wiederholen könnte. Das neue Moskau hat Tschetschenien mit Gewalt befriedet und kann sich jetzt anderen Krisengebieten an seiner Peripherie zuwenden. Wer wollte es daran hindern?"

"Frankfurter Rundschau" (Frankfurt):

"Vor grundsätzlichen Überlegungen für eine europäische, eine westliche Strategie in Zentralasien, vor einer neuen Justierung der Politik gegenüber Russland, steht erst einmal die Schadensbegrenzung. Vertreter der EU tun alles Menschenmögliche, um wenigstens Korridore für humanitäre Hilfe zu ermöglichen. Ein Masterplan für den Frieden? Selbst Nicolas Sarkozy, der sonst kein Pathos scheut, meidet große Worte. Die französische Ratspräsidentschaft hat nicht bloß mit den Konfliktparteien genug zu tun. Schon eine einheitliche Position der EU ist schwer genug zu erreichen. Die neuen Mitglieder streben gegenüber Russland, das sie einst unterdrückte, einen schärferen Ton an als die Länder des alten Westeuropa. Jetzt ist Soforthilfe angesagt. Die Grundsatzdebatte muss folgen. Dass sie nach dem Balkankrieg fehlte, macht sich nun bemerkbar."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Frankfurt):

"Die Appelle der Europäischen Union und Berlins, in der kaukasischen Kriegsregion sollten Russland und Georgien sofort die Waffen ruhen lassen, sind gut gemeint - was soll man auch sonst verlangen? -, und doch surreal. Solange der russische Ministerpräsident und faktische Kriegsherr Putin 'bis zum logischen Ende' weiterkämpfen will, werden europäische Friedensmissionen wenig fruchten. Zusage und Unterschrift des georgischen Präsidenten sind da viel leichter zu haben. Aber Putin will Georgien strafen - seine bisherige Kriegsführung offenbart das Ziel: Einem Staat in Moskaus "nahem Ausland", dessen Führung es gewagt hat, sich an Amerika anzulehnen, soll eine Lektion erteilt werden, die weder er noch andere vergessen. (...)"

"Der Tagesspiegel" (Berlin):

"Weil Russland seine Mittlerfunktion im Kaukasus spätestens mit dem Übergriff auf georgisches Gebiet verspielt hat, ist insbesondere die EU angehalten, im Ringen um eine südossetische Friedensmission mit Nachdruck die russische Führungsrolle infrage zu stellen. Um glaubwürdig zu bleiben, sollte man Moskau jedoch mit gut sortierten Argumenten gegenübertreten. Dass im Kaukasus einem 'demokratischen' Regime Beistand im Kampf gegen ein "undemokratisches" gebührt, gehört nicht dazu. Zudem sollte man beim Verweis auf Georgiens staatliche Souveränität den Präzedenzfall Kosovo zumindest im Hinterkopf behalten."

"Stuttgarter Zeitung" (Stuttgart):

"Die US-Politik hatte keinerlei Gespür dafür, dass der skrupellos auf die nationalistische Karte setzende Wladimir Putin je die Rechnung präsentieren könnte. Es ist bezeichnend, dass die wenigen verbliebenen Russlandexperten im Washingtoner Außenministerium immer wieder davor gewarnt haben, dem pro-amerikanischen georgischen Präsidenten falsche Signale zu senden. In der US-Regierung scheint sich niemand Gedanken darüber gemacht zu haben, dass es eigentlich ein Zeichen von Größenwahn ist, wenn ein kleines, armes und geostrategisch gefährdetes Land wie Georgien das drittstärkste Truppenkontingent im Irak stellen will - immerhin fast ein Fünftel seiner Armee. Eine verantwortliche Außenpolitik hätte diskret angefragt, ob es nicht auch eine Nummer kleiner sein könnte. Für derartige Feinheiten war bei George W. Bush aber kein Platz."

"tageszeitung" (Berlin):

"Saakaschwilis Trumpf war die Unterstützung der Regierung Bush. Er hatte das drittstärkste militärische Kontingent in den Irak entsandt, die Amerikaner hatten die georgische Armee umgerüstet und neu ausgebildet. Nach vielen markigen Solidaritätserklärungen durch Cheney und Bush rechnete Saakaschwili naiverweise mit der direkten Unterstützung durch die USA. Vermutlich werden die russischen Truppen bis zu der durch Georgien führenden Pipeline zwischen Aserbaidschan und dem Schwarzen Meer vordringen. Verhandlungen mit einer georgischen Regierung könnte sie dann aus einer Position der Stärke führen. Ihre Bedingung für die Freigabe der Pipeline werden Vereinbarungen sein, die die Integration Georgiens in den Westen blockieren."

"Neues Deutschland" (Berlin):

"Als Kouchner vor vier Wochen seine Antrittsrede in der Wiener OSZE-Zentrale hielt, warnte er die internationale Gemeinschaft vor den Folgen einer weiteren Verschärfung der Lage in Georgien. Doch verstärkte Vermittlungsbemühungen zur Entspannung der Situation gab es nicht. Dabei wäre gerade die OSZE wie kaum eine andere Institution als ehrlicher Makler prädestiniert, ist es doch eine ihrer wichtigsten Aufgaben, nicht zuletzt ethnisch motivierte Spannungen, die den Frieden, die Stabilität oder die guten Beziehungen zwischen ihren 56 Teilnehmerstaaten gefährden könnten, rechtzeitig zu erkennen und aufzulösen. Nur wurde die OSZE nach dem Ende des Ost-West-Konflikt immer mehr aufs Abstellgleis geschoben. Die präventive stille Diplomatie, allemal besser, aber eben auch mühsamer als verbale Gefechte und schließlich Schlachtenlärm, scheint bei der Durchsetzung geostrategischer Interessen längst nur zu stören."

"Libération" (Paris):

"Man kann verstehen, dass sich Russland seit dem Fall der Mauer gedemütigt fühlt, denn es hat gleichzeitig ein Reich, ein strategisches Vorfeld und eine Ideologie verloren. Man kann verstehen, dass die unnötig aggressive Politik von George W. Bush selbst einem weniger paranoiden Land wie dem Russland Medwedews und Putins bedrohlich erscheint. Doch es geht nicht um Südossetien, diese von Putins geliebten Geheimdiensten geschaffene mafiöse Enklave. Diese Provinz und die anderen, die Putin Georgien entreißen will, sind nur ein Vorwand, um seinen Machtwillen zu zeigen. Putin hat von Tschetschenien bis Georgien niemals seine Bereitschaft verborgen, notfalls auf Drohungen, die Gaswaffe und Gewalt zurückzugreifen, um die verlorene Macht zurückzugewinnen. Er versteht es kunstvoll, die Schwächen und Spaltungen des Westens auszunutzen. Die Reise von Nicolas Sarkozy nach Tiflis und Moskau ist deshalb vielleicht die wichtigste seit Beginn seiner Amtszeit." (APA/dpa/AFP)

Mit den kriegerischen Auseinandersetzungen im südlichen Kaukasus, die durch die georgische Großoffensive in Südossetien ausgelöst worden sind, und ihren möglichen Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen befasste sich am Montag die internationale Presse:

El País" (Madrid):

"Die Entscheidung des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili zur militärischen Intervention in Südossetien war ein tragischer Fehler. Der Staatschef durfte trotz aller Provokationen der Separatisten das Recht nicht in die eigene Hand nehmen. Das gewaltsame Vorgehen gegen Ossetien ist nicht zu rechtfertigen. Die Entscheidung bedeutete obendrein aber auch einen politischen Fehler. Und daraus versucht Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin nun Kapital zu schlagen. Seine überzogene Reaktion macht deutlich, dass er die Absicht hat, Russlands Hegemonie in der Region zu stärken."

"L'Alsace" (Mülhausen):

"Michail Saakaschwili, der georgische Präsident, hat hoch gespielt, indem er den russischen Bären in Südossetien gekitzelt hat (...). Er hat verloren und er läuft Gefahr, teuer zu bezahlen. Denn nicht Präsident Medwedew, der 'gute' Teddybär - Medwed heißt auf russisch Bär - hat sich des Falles angenommen. Sondern sein Vorgänger Putin. Und für den ist es nicht die erste Waffenhandlung im Kaukasus. (...) Die Russen haben nicht an Bomben gespart, um die Georgier in die Knie zu zwingen. (...) Der Sturz des pro-amerikanischen Saakaschwili wäre nicht zu ihrem Missfallen. Deshalb werden sie ihn nicht erhobenen Hauptes aus diesem Konflikt gehen lassen. Ein unabhängiges Georgien müssen sie hinnehmen, aber sie werden alles tun, um es am Eintritt in die NATO zu hindern."

"Sud-Ouest" (Bordeaux):

"Das ist das Szenario, das die Europäer so sehr fürchten: Sich entscheiden zu müssen zwischen Georgien, das ihnen schöne Augen macht, und Russland, das ihnen das Gas liefert, das sie unbedingt brauchen. Im Grunde das gleiche Dilemma, wie gegenüber Peking gezwungen zu sein, zwischen der Verteidigung der Menschenrechte und dem Schutz der wirtschaftlichen Interessen zu entscheiden. (...) Die Herausforderungen sind zugleich politischer und wirtschaftlicher Art. Politisch, weil Georgiens Willen - von den USA unterstützt -, der NATO anzugehören, von Moskau als unannehmbar beurteilt wird. Wirtschaftlich, weil das Land eine strategische Kreuzung für die Öl- und Gasversorgung Europas ist."

"Trouw" (Den Haag):

"Die russischen Absichten zeigen sich auch in den Bombardierungen von Zielen in Georgien selbst. Ziele sind Städte, aber auch Öl-Einrichtungen, Fabriken und Militärbasen. Ganz offensichtlich kommt Russland nicht, um seine Brüder zu retten, sondern ergreift die Gelegenheit, um der Infrastruktur des wirtschaftlich ziemlich erfolgreichen Georgiens einen schweren Schlag zu versetzen. (...) Der Westen kann auf kurze Sicht wenig ausrichten, außer vielleicht Saakaschwili hinter verschlossenen Türen dafür zu rüffeln, dass er den Russen diesen Vorwand gab. Aber der Verlauf der Kämpfe zeigt nur, wie Recht die Balten, Polen, Georgier, Ukrainer und andere direkte Nachbarn Russlands haben: Dass nur die feste Integration im Westen, einschließlich der NATO-Mitgliedschaft, Schutz gegen russische Einmengung bietet."

Dnevnik" (Ljubljana/Laibach):

"Wenn Saakaschwili mit dieser Provokation Russlands den Joker ausspielte und gehofft hat, in den Konflikt die NATO zu verwickeln und Georgien den Weg in das Bündnis zu ebnen, hat er falsch kalkuliert. Die übermäßige Gewaltanwendung Russlands ist ebenso zu verurteilen wie das militärische Abenteuer Saakaschwilis. Er hat wie ein unzuverlässiger Führer mit zu schnellen Entscheidungen gewirkt. Erreicht hat er praktisch nichts, eher umgekehrt. ... Der Kreml hat mit seinem entschlossenen Einsatz seine dunkle Seite gezeigt. Die Zweifel über die Rückkehr Russlands zu den Großmächten müsste nun endgültig vertrieben worden sein. Es beginnt die Neudefinition der Verhältnisse zwischen Moskau und dem Westen."

"Delo" (Ljubljana/Laibach):

"Das Abenteuer, in das sich Georgien wagte, wird es mindestens mit dem Verlust der beiden separatistischen Regionen Südossetien und Abchasien bezahlen. Nach dem schwärzesten Szenario sogar mit dem Verlust eines Großteils seiner Unabhängigkeit. Dem Sieger wird es schwer fallen, seine Panzer wieder kehrt machen zu lassen und eine Staatsgewalt an der Spitze zu lassen, die unter den Schutz von NATO und EU drängt. Angesichts der Genozid-Vorwürfe könnte Russland für eine spektakuläre Festnahme der georgischen Staatsführung sorgen, an deren Stelle eine vorläufige, natürlich treue Marionettenregierung treten könnte. Langfristig würde dies sogar die Rückkehr Georgiens zu Russland bedeuten. Es gibt noch mehr Gründe für Schwarzseherei. Der Konflikt hat auch schon in die Ukraine übergeschwappt. ... Wird sie die nächste sein und kommt danach auch ein weiterer Staat des postsowjetischen Gebiets an die Reihe? Kehrt Russland zu den Grenzen der früheren Sowjetunion zurück?"

"Sme" (Pressburg/Bratislava):

"Tiflis machte einen Fehler, wenn es seine Macht über die abtrünnige Provinz unbedingt jetzt durchsetzen wollte. Aber das entschuldigt auch nicht das ungeheuer unangemessene Verfahren Russlands. Ossetien ist nur ein Vorwand für die Erneuerung der russischen Macht über Georgien und für das Abdrängen Georgiens vom Westen weg".

"Pravda" (Pressburg/Bratislava):

"Es gibt nur zwei mögliche Ausgänge des Kriegs zwischen Russland und Georgien: Die Niederlage Georgiens oder aber die katastrophale Niederlage Georgiens. Ein Teil der politischen Szene in der EU nimmt das als eine gute Nachricht auf. Der georgische Präsident Saakaschwili hat den Westen allzu auffällig in die Konfrontation mit Russland hineingezogen, denn niemand hatte ein Interesse an einer solchen Konfrontation. Wer würde schon die Mitgliedschaft von Tiflis in der NATO gegen gute Beziehungen mit Russland tauschen wollen? Man muss aber auch in Betracht ziehen, dass Putin nie den Zerfall der Sowjetunion hingenommen hat. Georgien weiß schon einiges darüber."

"Gazeta Wyborcza" (Warschau):

"Der Krieg in Südossetien ist eine Stunde der Wahrheit für Polen und Europa. Für Polen, weil wir NATO und EU durch unseren Beitritt auf Ereignisse im Kaukasus außerordentlich sensibilisiert haben. Für Europa, weil es jetzt eine Chance hat, sich zu rehabilitieren für die jahrelange Politik, die darin bestand, die Augen für Probleme der Völker zu schließen, die ein Objekt der neoimperialen Politik Moskaus gewesen waren. Der Grund war die Erhaltung guter Kontakte zu Russland. (...) Der Moment ist günstig. Den EU-Vorsitz hat mit Frankreich ein großes europäisches Land, das niemals einen Hehl daraus machte, dass die EU zum Player in der Weltpolitik werden soll. (...) In dieser Woche soll die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel Moskau besuchen. Obwohl sie nicht so nachgiebig gegenüber dem Kreml wie ihr Vorgänger Schröder ist, hören die russischen Führer auf sie. Es geht darum, dass Polen (Merkel) mit seiner Sensibilität gegenüber den imperialen Machenschaften Moskaus ansteckt. Wer, wenn nicht Polens Politiker, sind imstande, dies zu tun?"

"Neue Zürcher Zeitung":

"Wie das neue Russland Krieg führt, lässt sich wieder am Konflikt im Kaukasus ablesen. Von Verhältnismäßigkeit im Sinne der vielen Theoretiker und Völkerrechtler kann keine Rede sein. Der brutale Einsatz von Kampfbombern und Raketen gegen georgisches Territorium und Wohnhäuser von Zivilisten als Antwort auf - wahrscheinlich provozierte - Übergriffe gegen russische sogenannte Friedenssoldaten zeigt dies überdeutlich. (...) Verhältnismäßig ist das Vorgehen in russischen Augen dagegen schon: eine bewusst überproportionale Reaktion, um dem Nachbarn eine Lektion zu erteilen, die dieser nicht vergisst, dem Westen vorzuzeigen, dass seine Macht enge Grenzen hat, und der Welt zu demonstrieren, dass die Großmacht Russland imperiale Interessen hat und wieder imstande ist, sie zu wahren."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Bis zu der für Dezember in Aussicht gestellten Entscheidung der NATO über Georgiens Teilnahme an dem Programm zur Vorbereitung auf den NATO-Beitritt war (...) damit zu rechnen, dass Hardliner auf beiden Seiten zündelten, und dass das irgendwann außer Kontrolle geraten könnte. Jene russischen Politiker, die für die staatliche Anerkennung Abchasiens und Südossetiens eintreten, erhalten nun, da der 'eingefrorene Konflikt' wieder entfesselt ist, neues Gewicht."

"Berliner Zeitung":

"An einem Krieg im Kaukasus mögen nationalistische Heißsporne in Abchasien und Ossetien interessiert sein. Georgiens Präsident Michail Saakaschwili, ein Provokateur und Rabauke, kommt ihnen mit seiner poltrigen Art gewiss entgegen. Russlands Regierungschef Wladimir Putin aber will nur einen kontrollierbaren Krieg auf Sparflamme. Ohne die Großmacht Russland kann in dessen Vorhof kein Konflikt gelöst werden. Das ist die Botschaft, die die russischen Bomber nach Georgien tragen. "

"Neue Presse" (Hannover):

"Am Kaukasus erleben wir ein Lehrstück eiskalter Expansionspolitik. Ohne mit der Wimper zu zucken, verleibt sich der hungrige russische Bär zwei große Happen fremden Staatsterritoriums ein: Abchasien und Südossetien, zwei angeblich nach Unabhängigkeit strebende Regionen Georgiens, werden politisch schon lange von Moskau kontrolliert. Nach drei Tagen Krieg ist die militärische Hoheit der Russen in Südossetien bereits Fakt, in Abchasien nur eine Frage der Zeit."

"Stuttgarter Zeitung":

"Die Vereinten Nationen (...) haben Südossetien ignoriert. Es ist grotesk und gleichzeitig folgerichtig, dass Russland, der allgegenwärtige Sezessionsgegner, nun ein internationales Tribunal fordert, um den Konflikt beizulegen. Denn der Präzedenzfall Kosovo könnte leicht dazu führen, dass Georgien als großer Verlierer übrig bleibt. Ein internationales Tribunal wird nach dem Überfall Georgiens auf Südossetien feststellen, dass ein Zusammenleben beider Völker künftig schwieriger werden wird. Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Unabhängigkeit. Die Büchse der Pandora ist weit geöffnet."

"Kommersant" (Moskau):

"Die Eskalation des Konflikts zwischen Russland und Georgien um Südossetien sowie die Ausweitung des Kriegsgeschehens haben die Haltung der USA und anderer westlicher Staaten grundlegend geändert. Sie bezeichnen das Eingreifen Moskaus nicht mehr nur als 'gefährlich und unannehmbar'. Vielmehr drohen sie mit einer Verschlechterung der Beziehungen. Im Gegenzug hat Moskau gewarnt, dass es seine Haltung in anderen, für den Westen wichtigeren Fragen verschärft. Damit rückt nicht nur ein baldiges Ende der Gewalt in Georgien in weite Ferne. Es droht eine ernsthafte Abkühlung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen."

"Le Figaro" (Paris):

"Angesichts der Entschlossenheit Russlands, einen Fuß im Südkaukasus zu behalten, muss man zunächst entschieden die Souveränität Georgiens verteidigen. Es wäre unsinnig, Russland erniedrigen zu wollen. Doch Moskau sollte die schleichende Besetzung Südossetiens und Abchasiens durch Unterstützung der Separatisten einstellen. Georgien will in die NATO, was Russland als Bedrohung betrachtet. Über diese Dinge muss man reden. In erster Linie mit den USA, Russland und der Europäischen Union. Die europäische Diplomatie sollte als Fortführung der deutschen Initiative zu Abchasien in Moskau vermitteln, um den Frieden auf unserem Kontinent zu bewahren."

"De Morgen" (Brüssel):

"Dass sich Abchasien und Südossetien als aufständische Provinzen aufführen, gibt Russland nicht das Recht, sein Militär dorthin zu schicken. Dennoch kann man sich fragen, was den pro-westlichen - und vor allem pro-amerikanischen - Präsidenten Michail Saakaschwili bewegt hat, diesen lokalen Brandherd anzufachen. (...) Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass Saakaschwili ein Eingreifen des Westens herausfordern wollte. Er hat es noch nicht verwunden, dass eine Mehrheit beim NATO-Gipfel im April seinem Land die Mitgliedschaft in dem Militärbündnis verweigert hat."

"Magyar Nemzet" (Budapest):

"Die Verhältnismäßigkeit des jetzigen (russischen) Eingriffs kann infrage gestellt werden, sonst ist es aber eine ebensolche humanitäre Intervention wie jene der NATO 1999 im Kosovo. (...) Saakaschwili aber lebt in einer Welt, in der Doppelmoral die Norm ist, daher konnte er kaum kalkulieren. Die Unterstützer des georgischen Präsidenten, die an Druck auf Russland interessiert waren und Saakaschwili ständig bestärkten, waren nicht hilfreich. (...) Der Versuch, die regionale Krise zu internationalisieren, ist vergeblich, denn die USA, die zwar am geopolitischen Spiel im Kaukasus interessiert sind, würden jetzt wiederum wegen Tiflis keinen unmittelbaren Konflikt mit Moskau riskieren. Saakaschwili hat daher ein Eigentor geschossen..."

"Gandul" (Bukarest):

"Der wehrlose Saakaschwili hat den Westen um Hilfe gebeten. Keine Großmacht hat diesen Appell beantwortet. Mehr noch, wahrscheinlich atmen die westlichen Staaten auf, erleichtert darüber, dass Georgien beim NATO-Gipfel in Bukarest kein grünes Licht (für einen NATO- Beitritt) bekommen hat. Denn sonst wären Frankreich, Deutschland und sogar Rumänien verpflichtet, das georgische Territorium im Fall eines russischen Angriffs zu verteidigen. Der georgische Präsident hat auch an dieser Front verloren, und das NATO-Treffen im Dezember wird verschoben oder annulliert werden. Denn auch Europa kann sich keinen Krieg gegen Russland leisten".

 "NZZ am Sonntag":

"Michail Saakaschwili, dem eloquenten georgischen Präsidenten, scheint der Realitätssinn abhanden zu kommen. Nicht nur, dass er erklärt hat, es herrsche Krieg im Konflikt zwischen Russland und Georgien, nein, er fordert auch noch den Westen, speziell Amerika, zum militärischen Beistand auf. Der Repräsentant des georgischen Unabhängigkeitswillens ist ein Provokateur. Natürlich ist der Krieg um Südossetien auch getrieben vom imperialistischen Grossmacht-Getue Russlands, von der Wonne Putins an der Bestrafung solcher Nachbarn, die der Nato oder der EU beitreten wollen. Aber den militärischen Konflikt mit Russland wird Saakaschwili sicher nicht gewinnen können."

 "Sunday Times":

"Dieser Krieg, wie beide Seiten den Konflikt nun nennen, könnte nicht nur den Kaukasus weiter destabilisieren, er könnte auch die bereits gespannten Beziehungen zwischen Russland, Europa und den USA außerordentlich verschlechtern. Moskau will ein instabiles Georgien schaffen, das aus diesem Grund nicht in die NATO aufgenommen werden kann. Damit will Russland dem Westen klar machen, dass dieser zu weit gegangen ist. Allerdings kann eine solche Strategie zu einem Flächenbrand führen. Russland spielt mit dem Feuer."

"Le Monde":

"Russland, das unter dem Vorwand der Friedenserhaltung Truppen in Südossetien hält, hat jedes Interesse daran, eine Lösung des Konflikts zu verhindern. Die westlichen Politiker scheinen machtlos zu sein. Sie können die Georgier nicht offen auffordern, dem russischen Druck nachzugeben und haben kaum ein Druckmittel gegen Russland in der Hand. Und wenn sie eines Tages zwischen Moskau und Tiflis wählen müssten, dann kann man sich ihre Entscheidung leicht vorstellen. Deshalb sollte der Realismus die Georgier veranlassen, die Russen nicht zu provozieren und nicht auf russische Provokationen zu antworten." (APA/AFP/dpa)

Share if you care.