Jubel um das neue trojanische Pferd

8. August 2008, 19:45
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Die Begeisterung für das "neue Herz in einer neuen Stadt", wie das Stadion bereits von Staatsdichtern besungen wird, ist enorm. China demonstriert mit dem "Vogelnest" und anderen Olympiabauten Macht. Um jeden Preis

Von weitem wirkt das mit seinem Außengerüst aus tausenden Tonnen verflochtener Stahlträger gebaute Stadion wie ein Nest. Es pulsiert in rotem Licht, während 500 Meter daneben die mit 3500 Riesenblasen verkleidete Schwimmhalle blau schimmert. Der Effekt ist nicht nur optisch gewollt. Die beiden Avantgarde-Bauwerke ergänzen sich mit ihren Farben, die symbolisch für "Feuer und Wasser" stehen. Beide Hauptstadien der Olympischen Spiele, die von den Schweizer Architekten Herzog& de Meuron und Australiens PTW entworfen wurden, sind über ihren Sportzweck hinausgewachsen. Sie sind neue Wahrzeichen einer Hauptstadt, die in kaum zehn Jahren eine bauliche Metamorphose zur Weltstadt miterlitten hat.

Familien trotten im Verband an, wedeln mit Staatsfähnchen, haben sich Chinas Farben auf die Backen gemalt. Das Stadion ist Symbol des Patriotismus. Selbst tagsüber pilgern die Pekinger auf die Brücken der Ringautobahnen, die am Olympiagelände vorbeiführen.

Die Begeisterung der Pekinger für das "neue Herz in einer neuen Stadt", wie das Vogelnest bereits von Staatsdichtern besungen wird, ist für die Schweizer Architekten schmeichelhaft. Dem dritten Mitarbeiter an ihrem Projekt, dem chinesischen Konzeptkünstler Ai Weiwei, ist dagegen nicht geheuer, wie die staatliche Propaganda das Olympiastadion für ihre Zwecke benutzt. Obwohl der kritische Ai Weiwei das Stadion unverändert für "große Baukunst" hält, will er nicht vereinnahmt werden.

Jacques Herzog verstieg sich dagegen jüngst in einem Spiegel-Interview zur kühnen Verteidigung. Er sehe in seinem Stadion "eine Art trojanisches Pferd", einen öffentlichen Raum, wo etwas passieren kann, "ganz bewusst auch etwas Subversives, zumindest nicht so leicht Kontrollierbares".

Es gehört viel Vorstellungskraft dazu, solche Gedanken mit einem 315 Millionen Dollar teuren Bauwerk zu verbinden, das Peking als Symbol für die Größe der Nation bestellt hat, mit dem es seinen Anspruch auf seine Weltrolle untermauert. Vor der Eröffnung druckte die Zentralbank das Bild des Vogelnestes auf einen Geldschein. Die Pekinger standen nächtelang bei Banken Schlange, weil der Wert sofort auf das Hundertfache stieg. Zeichner des Parteiorgans Volkszeitung rückten Schwimmkubus und Nationalstadion in den Blickpunkt einer "positiven" Karikatur. Sie zeigt die neue olympische Stadt im selben Stil gemalt wie einst die Zeichnungen über das glückliche Leben in der Volkskommune.

Gigantische Veränderungen


"Wie Bambus nach dem Frühlingsregen" sind die Olympiabauten und ihre Verkehrsinfrastruktur mit drei neuen U-Bahnlinien, Skytrains, Bus- und Hauptbahnhöfen, schillernden Geschäftsvierteln, Fünf-Sterne-Hotels und Parkanlagen aus dem Boden geschossen. Solche blumigen Worte verniedlichen die Brutalität und das Tempo, mit dem die gigantischen Veränderungen in einer Stadt durchgesetzt wurden, die völlig wehrlos war. Weder Denkmalschutz noch Justizeinsprüche, weder Bürgerinitiativen noch das Unesco-Weltkulturerbe kamen gegen Veränderungen an, die von den "Zwängen der Olympischen Spiele" nötig gemacht wurden. Der Streit um Enteignungen und schäbige Abfindungen hält bis heute an.

28 Milliarden Euro hat der Staat in nur sieben Jahren in die Modernisierung der Infrastruktur Pekings gesteckt. Eine ähnliche Summe steuerten Bauspekulanten und andere private Investoren bei. Kein Teil der Metropole blieb unberührt. Was dem Kaiserpalast guttat, der seit 2003 für rund 50 Millionen Euro restauriert wurde, verwandelte den gesamten Altstadtkern Qianmen für die mehr als zehnfache Summe zum altchinesischen Disneyland. Bei der Runderneuerung Pekings wurden mehr als eine Millionen Hauptstädter umgesiedelt, eine moderne Form der erzwungenen Völkerwanderung. Am meisten leiden die Alten, entwurzelt, verunsichert, depressiv. Ihre Tragödien bleiben anonym: Die Umgesiedelten und Verlierer müssen sich in strukturlosen Vorstädten mit chaotischer Verkehrsanbindung und ständigen Dauerstaus ansiedeln und darauf hoffen, dass der öffentliche Nahverkehr irgendwann nachkommt. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 9. August 2008)

 

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    Das Olympiastadion samt der mit 3500 Riesenblasen verkleideten Schwimmhalle sind über ihren Sportzweck hinausgewachsen und demonstrieren die Macht Chinas.

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