Hungrig vor und nach dem Erfolg

8. August 2008, 18:53
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Am Sonntag kann Ludwig Paischer essen, was er will. Am Samstag steht eine Waage und liegt ein Wettkampf vor ihm. Zum Judoka-Leben, sagt Paischer, gehört Gewichtmachen dazu

Nur die wirklich schweren Brocken haben leicht lachen. Nach oben hin gibt es kein Limit und keine Waage. Doch von der höchsten Gewichtsklasse, jener über 100 Kilogramm, ist der Judoka Ludwig Paischer ziemlich weit entfernt. Er kämpft bis 60 Kilogramm, im Judo belässt man es dabei, es gibt keine eigenen Begriffe für die einzelnen, bei Männern und Frauen jeweils sieben Klassen. Paischers Klasse jedenfalls ist die niedrigste, bei den Boxern ginge er als "Leichtgewicht" durch, aber die Boxer fangen noch tiefer an (-48 kg), kennen insgesamt elf Kategorien. Auch im Gewichtheben, Ringen, Taekwondo und Rudern wird in Gewichtsklassen eingeteilt.

Heute, Samstag, zwischen 7 und 7.30 Uhr, steigt Ludwig Paischer in der 8000 Zuseher fassenden Sporthalle der Wissenschafts- und Technik-Universität auf eine Waage. Die Waage wird, wenn es nicht mit dem Teufel zugeht, fast 60 Kilogramm anzeigen, Betonung auf "fast". Um 12 Uhr beginnen die Wettkämpfe, da kann und wird jeder Judoka schon mehr als sechzig Kilo mitbringen, weil natürlich zwischen Abwaage und Wettkampf gegessen werden darf und getrunken werden soll. Am Freitagabend wollte Paischer, wie er das vor jedem Wettkampf tut, "mit 60,4 Kilo schlafen gehen". Er weiß, er nimmt "in der letzten Nacht dreißig bis fünfzig Deka ab".

Arme, nackte Britin


Überraschungen sind schon deshalb selten, weil vor der offiziellen eine inoffizielle Waage steht, die ab 6 Uhr bemüht werden darf. Wer hier bemerkt, dass er ein Gewichtsproblem hat, kommt ins Schwitzen, hoffentlich. So kann, wer früh genug aufsteht und in die Halle geht, manchmal in Winterjacken gehüllte Judoka sehen, die wie wild auf Ergometern radeln. Bei Olympia 2000 in Sydney sah man noch ganz anderes. Die Britin Debbie Allan, als Europameisterin eine Mitfavoritin in der 52-kg-Klasse, wog noch beim offiziellen Termin fünfzig Gramm zu viel. Allan riss sich ihren Judo-Gi vom Leib, stieg nackt auf die Waage, doch diese blieb gnadenlos. Allan ließ sich von ihrer Trainerin die langen Haare schneiden, doch die Waage zeigte quasi "Disqualifikation" an. Der Deutsche Udo Quellmalz, damals Trainer im britischen Team und heute Österreichs Nationalcoach, erinnert sich: "Debbie war nach der inoffiziellen Abwaage zu nervös, wahrscheinlich auch dehydriert, ist mit stierem Blick auf dem Ergometer gesessen, aber nicht ins Schwitzen gekommen."

Das Gewichtmachen gehört laut Paischer "zum Handwerkszeug des Judoka wie das Hobeln zum Tischler". Die Grundregel lautet, dass man nicht in kurzer Zeit viel abnehmen soll, sonst gehen Kraft und/oder Kondition verloren. Zwei Wochen vor Wettkämpfen beginnt der Salzburger auf sein Gewicht zu achten, indem er, hört, hört, "die Süßigkeiten reduziert". Nicht dass er sich sonst gehenlässt, aber in Aufbauphasen braucht man mehr Substanz und also Kilos, um die Belastung zu verkraften. Daumen mal Pi sind fünf Prozent mehr Gewicht, im Fall Paischer drei Kilogramm, kein Problem. "Da kann ich gut essen", sagt er. Wobei gut relativ ist. Paischer hat sich über die Jahre an zwei Hauptmahlzeiten am Tag gewöhnt, zum Frühstück gibt's vor allem Müsli, zwischen 15 und 16 Uhr am Nachmittag wird dann wirklich ordentlich gespeist.

Auch Sabrina Filzmoser und Claudia Heill könnten in Peking für Medaillen gut sein. Die Oberösterreicherin Filzmoser, drei Kilo leichter als Paischer, kommt am Montag, die Wienerin Heill, drei Kilo schwerer als Paischer, kommt am Dienstag an die Reihe. Auch sie sind Routiniers, auch hier muss die Waage keine Angst haben, über die Maßen strapaziert zu werden. Filzmoser kämpfte vor Jahren eine Klasse tiefer, da sei sie "am Limit gewesen. Das war nimmer gesund". Nach dem Aufstieg habe sie sich sofort wohler gefühlt, sie sei jetzt "viel weniger anfällig".

Für Filzmoser ist das Achten aufs Gewichts "wie eine rituelle Handlung. Damit wachsen wir auf. In der Früh vor dem Zähneputzen auf die Waage steigen, das gehört zum Tagesablauf." Für Paischer darf das Gewichtmachen "nur kein Stress sein". In der Sauna sitzt er gerne, aber nie lange. "Am Tag vor dem Wettkampf fünf bis zehn Minuten." Auf den Tag nach dem Wettkampf, sagt Paischer, freue er sich immer. In Peking ist das der Sonntag. "Dann kann ich endlich wieder ordentlich essen." Obwohl: "Meistens hat man am Tag danach keinen richtigen Hunger." (Fritz Neumann aus Peking, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 9. August 2008)

 

 

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    Ludwig Paischer (unten) bei seinem Sieg im EM-Finale zu Lissabon im heurigen April gegen den Niederländer Ruben Houkes. Am Samstag und in Peking bekommt es der Europameister in der ersten Runde mit Afrikameister Younes Ahmadi aus Marokko zu tun.

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